92 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Verhältnis zwischen Herzog Ernst von Schwaben und seinem StiefvaterKonrad II. (s. Bd. II). Sagenhaften Hintergrund hat auch der Modus Ottinc(s. unten, lat. Dichtg.). Der Name der drei Ottonen, deren Personen in einsverwoben wurde, lebte fort. Der Kaiser Otto galt, wie Karl der Große, als einHort des Rechtes; von Ottos III. Gerechtigkeit speziell erzählt Gotfrid vonViterbo, der Kaplan und Notar Friedrichs I., in seinem Pantheon; die Meister-singer führten ihre Singschulen auf Kaiser Otto als den Gründer zurück 1 )und in der mittelhochdeutschen Literatur wurde er zu einer bekannten Per-sönlichkeit (Rudolfs von Ems Guter Gerhard, Konrads von Würzburg Ottemit dem Barte). Ein bestimmter Typus hat sich hier festgesetzt. Es ist keinsympathisches Bild: der Kaiser hat einen großen Bart und rötliches Haarund ist ganz ein böser Mann. 2 ) Die äußeren Züge stammen von Otto II.her, der auch der Rote genannt wurde, und infolge des ominösen rotenHaares wurde der Charakter ins Böse umgedeutet.
Historische Lieder, in denen Ereignisse der Zeit besungen wurden,sind uns für das zehnte und elfte Jahrhundert mehrfach bezeugt. 8 )
1. Ein gefeierter Held war Adalbert von Babenberg (Bamberg). 4 )In der Fehde zwischen den Konradinern und den Babenbergern war er dergefährlichste Gegner des Königs Ludwigs des Kindes. Durch die heuchlerischeList des Erzbischofs Hatto von Mainz, des Reichskanzlers, sei er gefangengenommen und dann hingerichtet worden (a. 906). So berichtet Liudprandvon Cremona in seiner Antopodosis II, 6 (um 960). 5 ) Noch zweihundert Jahrenachher wurden Lieder über diesen Verrat gesungen, wie Ekkehard IV inseinen Casus S. Galli Kap. 11 mitteilt (valgo concinnatur et canitar). Ja nochselbst in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts war die Volkstradition lebendigund man konnte auf den Straßen und an den Höfen der Großen davonsingen hören. 6 )
2. Von Chuono, dem Graf von Niederlahngau (| 984), den man wegenseiner kleinen Gestalt Churzibolt nannte, gingen viele Lieder um: Multasunt, quae de Mo concinnantar et canuntur (Ekkehards Casus S. Galli Kap. 50). 7 )Weit und breit wurde erzählt, wie er einen Löwen, der, seinem Käfig ent-sprungen, auf den König (Heinrich I.) und auf ihn losstürzte, unverzüglicherschlug. Einem Slaven von riesenhafter Größe, der zum Zweikampf heraus-forderte, trat er, ein zweiter David, entgegen und warf ihn mit einem Speerenieder. Einen angeborenen Widerwillen besaß er gegen Weiber und Äpfel,so daß er beide nicht in seiner Nähe duldete. Zugrunde liegt dieser Sage
') Brüder Grimm, D. Sagen Nr. 480;Wackernagel, LG. I 2 , 89.281.326.
2 ) Konrads von Würzburg Otte mit demBarte, hrsg. von H. Lambel, Erzählungen undSchwanke, Leipzig 1872, S. 285, 8 f., dazuS. 243 f.; Brüder Grimm, D. Sagen Nr. 472.
3 ) Wackernagel, LG. I 2 , 96—98; Kelle,LG. 1, 188. 199f. 371 f. 379; Kögel, LG. 2,231 ff.
4 ) Brüder Grimm, D. Sagen Nr. 468;Uhlands Schriften 1, 471 f.
5 ) Mon. Germ. Script. III, 289; andereQuellen bei Kelle und Kögel.
6 ) Otto v. Freising, Chronik VI, 15,a. 1146.
7 ) Brüder Grimm, D. Sagen Nr. 471;Uhlands Schriften 1,472 f.