90 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
epische Lieder aus der fränkischen Heldensage. Von der ostgotischen Sageund der Grausamkeit des Königs Ermenrich gibt Flodoardus Kunde 1 ), dieer deutschen Büchern entnommen hat {ex libris Teutonicis). Die Quedlin-burger Annalen (um 1100) 2 ) zeigen ziemlich genaue Kenntnis der Dietrich-und Ermenrichsage und wenn auch der Satz et iste fuit Thideric de Berne,de quo cantabant rustici olim erst später eingeschaltet ist, so bleibt dochdie Sicherheit, daß Lieder über Dietrich im Volke, bei den Bauern gesungenwurden. Auch die fränkische Heldensage, Überlieferungen von dem austra-sischen König Theodorich I. und dessen Sohn Theudebert, lebte im Volke,und offenbar in Liedern, fort. Die Sänger, Spielleute waren es, welche diesesheimische Gut der Nation erhielten, zu dauernder schriftlicher Überlieferungist es wohl selten gekommen; das erste und zugleich einzig uns in Auf-zeichnung erhaltene epische Gedicht aus althochdeutscher Zeit ist das Hilde-brandslied. — Zeugnisse für den Bestand von Heldensagen sind auch diePersonennamen, welche nach berühmten Gestalten des Volksepos gegebenwurden. 3 )
Nun aber kam als neues Stoffgebiet die Gegenwart mit ihren unmittelbarergreifenden Ereignissen. Noch immer lebte, wie in den Zeiten des Tacitus,die Geschichte weiter im Liede, auch nachdem sie die Wissenschaft in be-sondere Pflege genommen. Noch war der objektive Sinn nicht kräftig genugausgebildet, um Dichtung und Wahrheit zu scheiden. Enge berühren sichSage und Geschichte. Novellistisch ist die Geschichtschreibung des Mönchsvon St. Gallen, der seine Erzählungen und Schwanke aus dem Volksmunde,von Fahrenden, aus der Klosterunterhaltung und außerdem aus den Mit-teilungen eines alten Kriegers Karls des Großen schöpfte. Auch bei andernHistorikern der Zeit ist Geschichte fast so viel wie Geschichtenerzählung.Es ist das Eingreifen in das unmittelbare Leben, was Ekkehards Erzählungenvon St. Gallen so unvergänglich wirksam macht; der geschichtliche Stoff istepisch aufgefaßt und in Bildern dargestellt. Dieser Anschauungsstil kommtauch bei Widukind in seiner Sachsengeschichte da und dort zur Geltung,auch bei ihm treffen wir Geschichtsbilder. Diese Art von Geschichtschreibungnun' beruht vielfach auf mündlicher Tradition, auf Anekdoten, Sagen und
tur,scripsitmemoriaequemandavit,'Emw<KD, I in seiner Jugend gelernt hatte, später aber ver-VitaCaroliMagniKap.29;W. Grimm, D. Hei- j achtete (Thegan II, 19, Mon. Germ. Script. II,
densage 3 S.29;UHLANDSSchriften7,559;MüL-lenhoff.Z.i. d.A. 6, 435;Kelle, LG. 1,801.87.333 f.; Kögel,LG. 1,122. DerSatz istvomPoetaSaxo in seinen Annales de Gestis Caroli magniimperatoris 5,545 f. in Verse gebracht (um 890).An einer andern Stelle, 5,117, berichtet er, daßVolkslieder die Ahnen und Urahnen Karls ver-herrlichen, Männer wie Pippin, Karl, Ludwig,Theodorich, Carlmann und Hlothar, welcheNamen aber offenbar nur Erweiterungen deseinfachen Berichtes von Einhard sind und keinesonstige historische Grundlage haben. — DieCarmina gentilia, welche Ludwig der Fromme
594), waren aber keine deutschen Lieder, son-dern „heidnische" Dichtungen lateinischerklassischer Autoren, Braune, Beitr. 21, 5—7.') Flodoardi Annales (begonnen 919) IV, 5,Mon. Germ. Script. II, 365; W. Grimm, D. Hel-densage 3 S. 34; Kelle, LG. 1,81.333.
2 ) Annales Quedlinburgenses, Mon. Germ.Script. III, 31; W. Grimm, D. Heldensage 3 S. 35bis 37; H. Lorenz, Germania 31, 137—150;Edw. Schröder, Z. f. d. A. 41,24—32; Kelle,LG. 1,25.200. 297.380.
3 ) Siehe Band II dieser Literaturgeschichteunter Heldensage.