88 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
es: Tu psaltenum arripe, puto non alicuius mimi ante ianuam stantls, sedneque Sclavl saltantis. 1 ) Aber andrerseits blühte auch die Freude an drama-tischen Darstellungen selbst in der Umgebung Karls. Sein SchwiegersohnAngilbert, der den Gelehrtennamen Homerus trug, war ein Liebhaber vonSchauspielen, die sein Freund, der kirchlich festere Alcuin, Erdichtungendes Teufels nannte (diabollca figmenta, Epist. Nr. 175, Mon. Germ. Epist.IV, 290, s. auch Nr. 237, ebda S. 381). Von Karl dem Großen gibt eseinige Spielmannsanekdoten. In der Novaleser Chronik 2 ) wird dieGeschichte von Karl und dem lombardischen Spielmann erzählt, 3 ) der einmächtiger Herr wurde. Als Karl gegen Desiderius über die Alpen zog(a. 773) und dort von den Feinden bedrängt wurde, zeigte ihm ein joculatoreinen gefahrlosen Weg. Er singt ein selbstverfaßtes Lied (cantiuncalam)mit Harfenbegleitung {rotandö), das in der Chronik aus drei lateinischenReimpaaren besteht, des Inhalts: Was wird der Mann als Lohn empfangen,der Karl nach Italien geleitet, ohne daß er Schaden erleidet? Da ihm ver-sprochen wird, daß er erhalte, was er erbitte, steigt er auf einen nahen Bergund bläst sein Hörn {tubam corneam) in die Lande. So weit es vernommenwird, soll das Gebiet von Karl ihm zu eigen gegeben werden. Das geschieht.Darum heißen die Bewohner dieser Gegend lateinisch Transcornati. 4 ) DieSage verdankt also ihren Ursprung diesem Volksnamen, sie ist eine ety-mologische: tuba cornea ist dem schon vorhandenen Volksnamen Trans-cornati entnommen.
Ein anderes Stückchen erzählt der Mönch von St. Gallen (Mon. Germ.Script. II, 736): Uodalrich, ein mächtiger Graf am Bodensee, Bruder derKönigin Hildegard, der Gemahlin Karls des Großen, war nach dem Todeseiner Schwester (783) seiner Lehen entsetzt worden. Da trat ein scurra vorKarl auf und deklamierte: jetzt hat Uodalrich sein Lehen verloren in Ostund West, nachdem seine Schwester gestorben ist. 5 ) In Tränen gerührt setzteihn Karl wieder in seine früheren Besitzungen ein.
Unverfroren drängten sich die Gaukler und Sänger zu den hohen Herrn,obgleich sie oft abgewiesen wurden. Von ernsten und sittenstrengen Fürstenberichten die geistlichen Geschichtschreiber gern, daß sie das leichtfertigeVolk von ihrem Hofe wiesen. Ludwig dem Frommen konnten die Spielleute
J ) Wackernagel, LG. 1 2 ,66; E. Dümmler,Ermenrici Elwangensis epistola ad GrimoldumAbbatem, Universitätsschrift, Halle 1873, S.24.
2 ) Chronicon Novaliciense (reicht bis zumJahr 1048) III, 10.14, Mon. Germ. Script. VII,100; Brüder Grimm, D. Sagen Nr. 446; Edw.Schröder, Z. f. d. A. 37,127 f.; Kögel, LG. 2,222—224. Edw. Schröder und Kögel versuchenaus der lateinischen Übertragung deutschebezw. longobardische alliterierende Versteilezu ermitteln.
3 ) Ist von Moritz Graf von Strachwitz alsBallade behandelt: „Wie ein fahrender Hornistsich ein Land erblies."
4 ) Dasselbe Motiv liegt zugrunde der Er-zählung von dem Spielmann, der sich vonKarl einen Wald erbittet, Vita Arnoldi, ActaSanctorum Jul. IV, 449.
b ) Nunc habet Uodalricus honores per-ditos in Oriente et occidente, defuncta suasorore. Die Rückübersetzung ins Deutschevon Haupt ist unter dem Titel Ein Spiel-mannsreim in Müllenhoff und ScherersDenkmäler aufgenommen (MSD. Nr. 8 und II 3S. 59—61); dazu vgl. aber Emil Henrici, ZurGeschichte der mhd. Lyrik, Diss. Berlin 1876,S. 63; Steinmeyer, Z. f. d. A. 20, Anz. 2,147.