A. Einleitung. Allgemeine Voraussetzungen. § 24.
87
manischen Fürstenhöfen der Völkerwanderungszeit hatte er Aufnahme ge-funden, die Kunst des Karolingerreiches aber war durchaus die Fortsetzung desSpätrömertums. Der Mimus hatte den Untergang der Weltmacht überdauertund das herbe Christentum hatte die leichtlebige Sinnenfreude der altenGötterwelt, deren Herold er war, nicht ganz ins Geistige umsetzen können.Nicht auf allen Seiten triumphierte Augustins Gottesstaat, in seinem ver-rufenen Winkel blieb der verachtete Spaßmacher Sieger, denn auch dasFleisch will seine Rechte haben. Und auch hohe Herren hatten an ihmihre Freude, weltliche und geistliche.
Die eigentlichen Geisteserben der weltlich römischen Dichter und auchdes Mimus waren die Kleriker. Sie dichteten in derselben Sprache undin demselben Geiste, dessen Element der Scherz, die leichte, auch leicht-fertige und groteske Behandlung des Gegenstandes ist und die Ironie istin dieser lateinisch-weltlichen Dichtung des zehnten bis zur Mitte des elftenJahrhunderts die herrschende Auffassungsweise. Aus Ovid schöpften dieseweltfreudigen Klosterjünger ihre Amatoria und zu den Lusoria steuerten dieJoci der Mimen bei, die Tierfabeln, der Klosterhumor und später das Lebenan den hohen Schulen. Für. die Eingeweihten, die Esotiker, vor allem dieGeistlichen, war dieser Genuß bestimmt, sie hatten ihre Freude an dieserWürze. An den Stätten der geistlichen Bildung gingen diese ergötzlichenSachen um, denn sie waren ja lateinisch geschrieben und das verstandennur wenige Laien. Deutsche Gedichte mit diesem Einschlag besitzenwir aus jener Zeit nicht. Aber eine deutsche Spottdichtung gab es vonalters her (s. oben). Hier berührt sich der römische Mimus mit germanischerEigenart.
Wie so oft, finden wir auch hier das Widersprechende in der Kirchevereinigt. Darin beruhte ihre Macht, daß sie das Geistige in strenge Dogmenfaßte und doch wieder das Sinnliche, da es unausrottbar war, mit klugerNachsicht gewähren ließ, wenn es sich nicht allzu sehr hervorwagte. Aber ingeringerer Schätzung war es immer. Auch jetzt bestand die Gegnerschaft 1 )der ernst gesinnten Kirchenmänner gegen die Laiendichter weiter, von denBerufenen des Gottesreichs werden die Kinder der Welt mißachtet undWalahfrid Strabo (De rebus eccles. Kap. 31) reiht sie unter diejenigen, welchedie Welt in Besitz hat: Habet mundus veredarios, commentarienses, ludorumexhibitores, carminum pompaticos relatores. Alcuin warnt in seinen Briefenvor ihnen, deren nichtiges Treiben ihrer Seele Gefahr bringe, und besser seies Gott zu gefallen als den Schauspielern, Sorge zu tragen für die Armenals für die Mimen (Brief Nr. 281, Mon. Germ. Epist. IV, Karol. aevi II, 439);besser, Predigten der Väter zu hören als Gedichte der Heiden (ebda Nr. 124S. 183) 2 ), und in einem Brief des Ermenrich von Ellwangen (um 850) heißt
J ) Wackernagel, LG. 1 2 ,96 f.; Kelle, LG.1,69 ff. 326—328.2,2 f. 237—239; Kogel, LG.2,194 f.
^QuodHinieldus cum Christo ?,JäNICKE,Z. f. d. A. 15, 313 f.