86 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
mittelalterlichen Gebiet ist allerdings kaum zu machen. Wirklich bodenständigsind eigentlich nur die Stoffe aus der Heldensage im Waltharius und Ruodlieb.Was in deutscher Sprache des Aufschreibens nicht wert war, fand Bewunderungin dem prunkenden Mantel virgilischer Rhetorik.
§ 24. Der Spielmann.
Mit der Verdrängung der nationalen Literatur sank auch der alte Dichter-stand. Der Rhapsode, der gefeierte Skof, der zur Gefolgschaft des Fürstengehörte, verschwindet, er räumt seinen Platz dem Spielmann ein. 1 )
Mannigfaltig war die soziale Stellung der Spielleute. Wo man nochehrfurchtsvoll und begeistert den alten Sagen lauschte, etwa bei den Bauernoder den Landadeligen oder überall da, wo man noch an der alten Sittehing, da stand der Volksdichter im alten Ansehen, da hatte er noch dieGewalt, die Herzen zu ergreifen. Noch war der Spielmann der Hüter derheimischen Lieder und der Kunde aus großer Vergangenheit. Bei dem Volkeder Friesen, das länger als andere die alte Väterart bewahrte, lebte der blindeBernlef, sehr geschätzt, weil er die Taten der Vorfahren und Kämpfe derKönige trefflich mit Harfenbegleitung vortrug. 2 )
Es gab auch eine andere Art von Spielleuten. Auch an den Höfender Großen war der Spielmann eine gern gesehene Persönlichkeit, er warunentbehrlich zur Unterhaltung der Gesellschaft und damit er die Tatenseines Lohngebers vor der Welt rühme. Aber er hatte keine tiefen Em-pfindungen auszulösen und brauchte nichts Erhebendes zu sagen. Es ge-nügten Witzworte und Spottverse und groteske Übertreibung.
Den meisten aber, die sich mit Dichten und Vortragen beschäftigten,ging es schlechter. Ohne Gönner zogen sie heimatlos umher als Fahrende,nicht besser als Springer und Gaukler, Kunstreiter und Tierbändiger undandere Landfahrer, wohl auch in deren Gesellschaft, überall ihre Kunstbietend, wo sie dafür belohnt wurden. Dieses bunte Völkchen hatte auchseine eigene Ehre. Sie ist geringer gewertet als die anderer Stände 3 ), siesind rechtlos, denn ihr Gewerbe ist unehrlich. Aber sie konnten es auchzu wohlbezahlten Stellungen bringen. Sie kannten Länder und Völker undwaren gerieben durch den Verkehr mit verschiedenartigen Menschen, auchverstanden sie wohlgesetzte Rede. Darum konnten die Herren sie gutbrauchen als Boten zu wichtigen Aufträgen und besonders wenn es galt,durch List einen Vorteil zu erlangen. Übermütige und üppige Gesellenwaren die meisten, und mancher rühmte sich, unschwer die Gunst der Frauenzu erwerben.
In dieser abwärts gerichteten Entwicklung des Spielmanns lebt derrömische Mimus, 4 ) der romanische Joculator fort. Schon an den ger-
*) Siehe oben § 18.2 )KöGEL,LG. 1,141 f. 283 f.a ) 'Scheinbuße', J. Grimm, DRA. S. 677ff.;Uhlands Schriften 3,219 f. 471; Schröder,
DRG. § 42 unter 'Ebenbürtigkeit'.
4 ) H. Reich, Der römische Mimus, bes.S. 801 ff.; W. Creizenach, Geschichte desneueren Dramas l 2 ,13. 386 ff.