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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
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85
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A. Einleitung. Allgemeine Voraussetzungen. § 23. 85

Gerbert, an der Domschule von Rheims, der nachmalige Papst Silvester II.(9991003).

§ 23. Volkstümliche und geistliche Dichtung.

In dem neuen Reiche Karls des Großen, in welchem die begrenztnationale Kultur zu einer universal christlichen erweitert wurde, bestand dasgermanische Element nur insofern weiter, als es sich mit der Kirche ver-einigen ließ. Die volkstümliche Dichtung mit ihrem heroischen Geisteund der altheimischen Sitte erschien den Priestern als ein Haupthindernisder neuen Lehre und wurde deshalb nach Kräften unterdrückt. Sie sollteersetzt werden durch das christliche Epos, das die Taten des Heilands besangund der sündigen Menschheit Erlösung. In apologetisch missionarischerAbsicht wurden den Heldenepen die Christusepen, der Heliand und OtfridsEvangelienharmonie, entgegengestellt. Aber auch zu weltlichen Stoffen wandtensich die Geistlichen, zum epischen Lied (Ludwigslied), und durchtränktensie mit religiöser Stimmung. Und bald machte die deutsche Dichtung auchformal die größte Veränderung innerhalb der geschichtlichen Zeit durch:sie nahm ein fremdes Gewand an, der germanische Stabreim wurde zumromanischen Endreim. Zwei Literaturen in deutscher Sprache gehen nungetrennt nebeneinander her, die religiöse, von Geistlichen gepflegte, und dievolkstümlich weltliche.

Auch ein neues Wort für die Kunstübung des gelehrten Dichters kommtauf, das natürlich dem Lateinischen entlehnt wurde: dihtön = dictare, unserdichten, ist zuerst bei Otfrid 1 ), Ad Lud. 87 und 1, 6. 49 belegt, vgl. auchHeliand, Versus de poeta 30 metrica post docta dictavit carmina lingua.Erst im elften Jahrhundert begegnet das Nomen agentis tihtcere (achtereKönig Rother, Rückert, 4859).

Aber die Geistlichen schufen nun für ihren Stand eine neue weltlicheDichtung in lateinischer Sprache. Mit Unrecht wird auf sie die Bezeich-nung 'Ottonische Renaissance' angewendet, wenn auch für die Politikder sächsischen Kaiser die Anknüpfungsbestrebungen an das Imperium Ro-manum zum Leitgedanken wurden. Im Hofkreise Karls des Großen strebteman bewußt nach einer Wiederbelebung der klassischen Dichtung, nicht nurdas Staatswesen, sondern auch die Kunst des Römertums sollte wieder auf-genommen werden. Wenn man auch meist im Äußeren, in der Form, steckenblieb, so lag doch jenes Prinzip zugrunde. Die lateinische Dichtung derOttonenzeit war aber gar nicht ausgesprochen Hofdichtung und hatte nichtjenen imperialistischen Grundsatz, sondern sie war ein Werk der Möncheoder der Mimen, der Vaganten, und ganz auf die Gegenwart berechnet. Fürdie deutsche Literaturgeschichte kommen aus dieser Literatur solche Erzeug-nisse in Betracht, welche deutsches Leben, deutsche Denk- und Empfindungs-weise betreffen. Eine strenge Abgrenzung von dem großen, international-

') Schönbach, Z. f. d. A. 40,103 ff.