84 H. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
geistlichen Dichtung. Notker Balbulus, 1 ) der Stammler (geb. um 840), führteeine neue Gattung kirchlicher Lyrik ein, die Sequenzen (s. unten, lat. Dichtg.).Während die Hymnen, die herrschende Art des Kirchenlieds, aus Strophenvon gleichem Bau und gleicher Melodie bestanden, haben die Sequenzenkunstvoll gegliederte verschiedenartige Strophen, wonach auch die Melodiewechselte. Diese neue Dicht- und Gesangsart war für die Entwicklung derPoesie und der Musik von größter Bedeutung. Sie gab Gelegenheit zu einerreichen Ausbildung poetischer und musikalischer Formen.
Durch Karl den Großen wieder erneuert ist der Betrieb der Wissenschaftstetig und folgerichtig fortgeschritten in den Bahnen, die ihr durch dieHerrschaft der Theologie bestimmt waren. Weit hinaus aber über die Streitig-keiten, die um die Person Christi in der Trinität geführt wurden, um dieAbendmahlslehre und um die Prädestination ging ein selbständiger Denker,Johannes Scottus Eriugena, ein irischer Gelehrter, besonderer SchützlingKarls des Kahlen, der erste Philosoph des Mittelalters, ein Vorläufer derScholastik, doch verschieden von ihr durch seine mystisch-pantheistischeWeltanschauung. Aber er steht auf seiner Höhe vereinzelt da. Bis zurphilosophischen Theologie, d. i. bis zur Scholastik, war Wissenschaft nurSchulwissen. Doch hier waren die Anforderungen gegenüber denen Alcuinsbedeutend gestiegen. In den Klosterschulen wurde nun wirklich auch dasrömische System der sieben freien Künste in größerm Umfang gelehrt,die septem artes liberales, die sich teilten in das Trivium: 1. Grammatik,2. Rhetorik (d. i. Poetik und Stilistik), 3. Dialektik (Philosophie, besondersLogik), und das Quadrivium: 1. Arithmetik, 2. Geometrie (wozu die Geographiegehörte), 3. Musik, 4. Astronomie. Schulautoren waren besonders Cicero für dieRhetorik und Logik, Aristoteles (in lateinischer Übersetzung und Bearbeitung desBoethius) für die Logik; für die Lektüre der lateinischen Poesie: Virgil, Terenz,Ovid; für die ganze Schulwissenschaft der septem artes: des Boethius Tröstungder Philosophie (De consolatione Philosophiae) und des Marcianus CapellaHochzeit des Merkur mit der Philologie (De nuptiis Mercurii et Philologiae).
Hervorragende Lehrer wirkten in vielen Klöstern sowohl des West- alsdes Ostreichs. Einer der frühsten und fruchtbarsten war Remigius vonAuxerre (Remigius Autissiodorensis, ca. 840—908) 2 ), der berühmteste aber,
!) Ekkehard IV, Casus S. Galli 1, 1.2.5.6.II, 30— IV, 47. IX, 79. XI, 109. XV, 125. XVI, 137;Wattenbach 1 \ 271—273 u. Register; Ebert 3,144—152; Manitius 1,354—367; G. Meyer v.Knonau, Schriften der antiquarischen Gesell-schaft in Zürich 19, H.4 (1877). — Ferd. Wolf,Über die Lais, Sequenzen und Leiche, Heidel-berg 1841; Anselm Schubiger, Die Sänger-schule St. Gallens vom achten bis zwölftenJahrhundert, Einsiedeln 1858; Karl Bartsch,Die lateinischen Sequenzen des Mittelaltersin musikalischer und rhythmischer Beziehung,Rostock 1868; W. Wilmanns, Welche Sequen-zen hat Notker verfaßt ? Z. f. d. A. 15,267—294;
J.Werner, Notkers Sequenzen, Aarau 1901;Paul v. Winterfeld, Welche Sequenzen hatNotker verfaßt? Z. f. d. A. 47,321—399; der-selbe, Zur Geschichte der rhythmischen Dich-tung, Neues Archiv f. ältere d. Geschichtskunde25 (1899), 379—407; J. Schwalm und Paulv. Winterfeld, Zu Notker dem Stammler,ebda 27 (1902), 740—751; Wilh. Meyer, Frag-mente Burana, Festschrift zur Feier des 150jähr.Bestehens derkgl. Gesellsch. d. Wissenschaftenzu Göttingen 1901, bes. S. 171 ff., u. Gesam-melte Abhandlungen 1 (1905), 1—58.
2 ) Ebert 3, 234—236; Manitius 1, 504bis 519.