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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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80 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

Wie Gut und Böse, Sein oder Nichtsein stehen sich gegenüber der Gottes-staat und der Weltstaat, das Reich des Herrn und das Reich des Teufels,der Gnade und der Sünde, des Geistes und des Fleisches, wie Ewigkeitund Zeit, Leben und Tod.

Der große Karl aber wollte die widerstreitenden Elemente vereinigen,und seiner gewaltigen Persönlichkeit gelang es auch, soweit die Zeit dazugeeignet war. Er hat dem Christentum die feste Grundlage für die Zukunftgegeben und hat zugleich durch Pflege der klassischen Poesie seinemHofe einen besonderen Glanz verliehen. Gelehrte und Dichter hatte er zuvertrautem Verkehr in seiner Umgebung. 1 ) Die bedeutsamen historischenNamen, die die Mitglieder dieses Kreises führten, sind bezeichnend für dieVerehrung, die hier sowohl dem biblischen als dem klassischen Altertumgezollt wurde. Karl selbst als Haupt wurde David genannt, als Typus deschristlichen Herrschers; Alcuin, Angilbert trugen die Poetennamen Horaz(Flaccus), Homer und der Geschichtschreiber Einhart hieß Beseleel, nach demErbauer der Stiftshütte. Über ein schönes Spiel aber ist diese Hofdichtungin Karls Akademie, die doch eigentlich nur der Verherrlichung des Kaisersdiente, nicht hinausgegangen. Die heidnische Schönheit und Weltfreudewidersprach zu sehr der christlichen Weltentsagung. Alle diese Poeten warenGeistliche und ihre Aufgabe war, wie die ihres Herrn, das neue Reich aufchristlicher Grundlage aufzubauen. Ins Leben sollte die Antike nicht über-tragen werden, aber sie sollte ein Mittel sein, um die gesunkene Bildung zuheben. Und darin besteht der karolingische Humanismus, dieKarolingischeRenaissance", daß der lateinische Stil und bis zu einem gewissen Gradeauch der klassische Geschmack wieder in die Kunst und Wissenschaft ein-geführt werden. Gegenüber der barbarischen Literatur des Frankenreichs imsiebenten und achten Jahrhundert war diese neue Geistesrichtung wirklicheine 'Renaissance'. 2 )

Aber Karl war nicht ein bloß schöngeistiger Kunstmäcen, er setzte sichdas höhere Ziel, den wissenschaftlichen Geist in seinem Reiche zuerwecken. Mit dem sichern Blick des geborenen Staatsmanns fand er dendazu geeigneten Mann. Es war Alcuin. 3 ) So wie sein Landsmann Boni-fatius der Reformator, der Apostel der Deutschen, so war dieser Angelsachseder Lehrer des Frankenreichs. Auf seiner Romreise im Jahre 781 traf ihn

1 )Ebert2,3 11.12ff.; Wattenbach, Ge- I 66-83.

schichtsquellen 1 7 ,167-177;Hauck2 3 - 4 , 120- j 3 ) Ebert2, 1236; Wattenbach l 7 ,186

199; Manitius 1,243256.257ff. Scherer, bis 190; Hauck 2 3 - 4 ,123145; Manitius 1,

Über den Ursprung der deutschen Literatur, ! 273288; ,M. F. Monnier, Alcuin et Charle-

Vorträge und Aufsätze S. 71100

2 ) Über den Begriff Renaissance vgl.Konr. Burdach, Sinn undürsprung der WorteRencissance und Reformation, Sitzungsber. d. jkgl. preuß. Akademie d. Wissenschaften 1910S. 594646; derselbe, Über den Ursprung desHumanismus, Deutsche Rundschau 40. Jahrg.(1914), H. 5, 191213; H. 6, 369-385; H. 7,

magne, 2. Ed., Paris 1863; Karl Werner, Al-cuin und sein Jahrhundert, neue Ausg., Wien1881; E. DOmmler, Alchvinstudien, Sitzungs-berichte der kgl. Akademie zu Berlin 1891S. 495523; Schönbach, Über einige Evan-gelienkommentare des Mittelalters, WienerSB.146 (1903), 4. Abhandl. S. 4378.