76 • I. Die vorliterarische Zeit.
Die Stäbe fallen also z. B. in A, wenn dieser Typus den ersten Halb-vers einer Langzeile bildet, auf die beiden Hebungen -'- x -* x; wenn A denzweiten Halbvers einer Langzeile bildet, so trägt die erste Hebung denStab, nach der Regel, daß der zweite Halbvers nur einen Stab, und zwarauf der ersten Hebung, enthält.
Die Grundbedingung für das rhythmische Prinzip der Anfangsbetonung,also der Stabreimdichtung, ist das germanische Betonungsgesetz, 1 ) nachwelchem die erste Silbe des Wortes (außer in Wörtern mit Präfixen) denHauptton trägt. Da die Langzeile vier Hebungen hat, so ist es auffallend, daßsie nicht auch vier Stäbe zählt, sondern nur drei, daß also die vierte Hebungkeinen Stab trägt. Der Grund kann kein metrischer sein, denn diese Dis-harmonie widerspricht ja dem rhythmischen Sinn. Die Dreizahl ist tief ein-gewurzelt im Vorstellungsleben der Germanen: Cäsar und Tacitus undnoch später die sächsische Abschwörungsformel (s. unten) nennen als Grund-lage des Göttersystems eine Trilogie; in drei Kult- und Volksverbändezerfallen die Westgermanen, deren Namen alliterieren, Ingwäonen, Istwäonen,Erminonen (s. oben S. 9); aus drei Runenstäben wird die Zukunft erschlossen(Tacitus Germ. Kap. 10). Die Drei war also eine in der Religion und imKultus vornehme Zahl, und damit wird auch die Dreiheit der Alliterations-stäbe zusammenhängen. So wie drei Runenstäbe beim Orakel aufzulesenwaren, um die Zukunft zu finden, so mußten auch die drei Stäbe beim Zauber-spruch gefunden werden. In religiösen, zum Kultus gehörigen Gesängen, inZauberliedern, in Götterliedern, überhaupt im erhabenen Vortrag wird dieDreizahl der Stäbe dem Volksempfinden am ehesten entsprochen haben.Aber es mag doch auch ein nüchtern praktischer Grund mitgewirkt haben:vier passende Wörter mit gleichem Anlaut waren schwerer zu finden als drei.
Die Grundform des germanischen Stils, die Variation, hängtalso aufs engste zusammen mit dem Grundgesetz der Versbildung,das ist der Stabreim oder die Alliteration. Denn so wie gewisse Wörterim Satze stilistisch variiert werden (Variation) und dadurch geistig assoziiertsind, so werden auch gewisse Wörter im Verse durch den Stabreim formal,akustisch zusammengebunden. Die gedankentragenden Worte sind zugleichauch die Rhythmusträger, Stil und Versbau stehen in enger Verbindung, dieWortwahl der germanischen Dichtung ist stark durch die Verskunst bedingt.
Aufzählung der vorliterarischen Gattungen.
Episches Lied (Götterlied, Heldenlied, j Klagelied (Totenklage) § 12
historisches Lied, Preislied) § 7.Schlachtgesang S. 18f. 26f.Gesellenlied (Winileod) §8.Tanzlied (Chorlied, Umzugslied, Einzugs
lied) § 10.Brautlied (Hochzeitslied) S. 27. 31. 35.
Zauberlied § 13.
Lehrgedicht § 14.
Sprichwort § 14.
Rätsel §15.
Streit lied (Spottlied) §16. S. 27.
Erzählung (Spell) §17.
Beitr.31,1— 42; Curt Rotter, Der Schnader- i sehen Sprache, 2. Aufl., Berlin 1878, S.9; vgl.hüpfl-Rhythmus, Palaestra 90, Berlin 1912. I auch MOllenhoff, Älteste Spuren der deut-') W. Scherer, Zur Geschichte der deut- [ sehen Allitteration, Z. f. d. A. 7,527 f.