72 I. Die vorliterarische Zeit.
schehen. Hier ist das maßgebende Merkmal zu behandeln und dessen Ent-stehung zu ergründen. Es ist die Variation bezw. der Parallelismus, dieWiederholung bezw. der Gleichlauf sinnähnlicher Satzteile, einzelner Wörteroder ganzer Sätze, z. B. her uuas heröro man, ferahes frötöro er warder durch Alte'r ehrwürdigere Mann, der lebenserfahrenere Hilde-brandsl. 7 f.; nu scal mih suäsat chind suertu hauwan, bretön mitsinu billiu nun soll mich mein eigenes Kind mit dem Schwerte hauen,schlagen mit seinem Schwerte ebda 53 f.; — denne der man inpardisu pü küwinnit, hüs in himile wenn der Mensch im ParadiesWohnung erringt, Haus im Himmel Muspilli 16 f.; enti hellafuir hartouuise, pehhes pina und der Hölle Feuer eifrig vermeidet, des PechesPein ebda 21 f.; Jesu Krist, godes egan barn, uualdandes sunu JesusChrist, Gottes eigenes Kind, des Waltenden Sohn Heliand 326 f.; uuasim hold an is hugi helag drohtin, mildi an is möde war ihm hold inseinem Sinn der heilige Herr, mild in seinem Gemüt ebda 1292 f.
Wiederholung gleicher Worte nun aber ist die Grundlage des Stilsin vielen Nationalliteraturen, 1 ) z. B.
Was ist Weißes zu gewahren Wärens weißer Gänse Scharen,
Auf den Bergen, in den Talen? Wären längst schon fortgeflogen,
Sind es weißer Gänse Scharen War es Schnee, die warme Sonne
Oder ist dort .Sehnee gefallen? Hätt' ihn längst schon aufgesogen.
Oder: Ist ein Lager, auf dem LagerRuht ein Jüngling hingestrecktUnd das Haupt des schönen JünglingsIst mit Wunden ganz bedeckt.
Slavisch, Z. f. Völkerpsychologie 19 (1889), 132 f.
I winnae cum doun, ze fals Gordön, Give owre zour house, ze lady fair,
I winnae cum down to thee; Give owre zour house to me,
I winnae forsake my ain dear lord, Or I sali brenn yoursel therein,
That is sae far frae me. Bot and zour babies three.
I winnae give owre, ze false Gordön,
To nae sik traitor as zee;
And if ze brenn my ain dear babes,
My lord sali make ze drie.
Altenglisch, Percy's Reliques of ancient english poetry,hrsg. von Arnold Schräer, 1. Hälfte, Heilbronn 1889, S.91.
Es wolt ein mägdlein tanzen gen, „Nun grüß dich gott, frau Haselin!
Sucht rosen auf der heide. Von was bist du so grüne?"
Was fand sie da am wege sten? „Nun grüß dich gott, feins mägdelein:
Eine Hasel, die war grüne. Von was bist du so schöne?"
„Von was daß ich so schöne bin,
Das kan ich dir wol sagen:
Ich iß weiß brot, trink külen wein,
Davon bin ich so schöne." usw.
Uhland, Volkslieder Nr. 25.
l ) Parallelismus als 'Urform der Poesie': E. Norden, Die antike Kunstprosa, 2 Bde,Leipzig 1898, S. 813 ff.