B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. § 20. 71
epischen Vortragsweise darbieten, 'singend erzählen'. Singen betrifft alsodie Art des Vortrags, sagen ist Mitteilung des Inhalts, vgl. be sotije secjanWidsiS 100. Den Sinn veranschaulicht die Otfridstelle 5,23,19—22 nist manniheln in worolti, ther al Io thaz irsageti . . . in sinemo sänge odo ouhin hiuuilonne (Wehklagen), Niemand könnte das alles in seinem Gesängeoder auch in Wehklagen erzählen. Die lateinischen Versus de poeta desHeliand 24 f. enthalten dasselbe Verhältnis von singen und sagen: o quidagis vates, cur cantus tempora perdis? incipe divinas recitare exordine leges! Weshalb, o Sänger, versäumst du die Zeit zum Gesang?Fange doch an, die heilige Schrift der Ordnung nach zu erzählen! Im Heliand33 ist die zweigliedrige Formel zu einer dreigliedrigen erweitert: settian 1 )endi singan endi seggian forä. In der spärlichen ahd. Epik kommt sie nichtvor, wohl aber sehr häufig von der frühmittelhochdeutschen Zeit an. 2 )
Der Gesang der Germanen war kunstlos, für die Ohren der Römerein Greuel. 3 ) Schreckenerregend sollte ja das Kriegslied sein (cantu truciTac. Hist. II, 22, auch Annal. IV, 47), doch auch mit dem fröhlichen Lager-gesang waren wilde Töne verbunden (laeto cantu aut truci sonore Annal.I, 65). Aber „unharmonisch" war auch die Leichenklage (Jordanes, Goten-geschichte Kap. XLI), das Gesellschaftslied war dem Schreien der Vögel ver-gleichbar (Julianus Apostata, Venantius Fortunatus, s. oben S. 21.15), undselbst noch der kirchliche Gesang der fränkischen Geistlichen klang dem feinerGebildeten barbarisch mit seinen Gurgeltönen (Collisibiles vel secabilesvoces in cantu non poterunt perfecte exprimere Franci naturali vocebarbarica frangentes in gutture voces potius quam exprimentes EinhardsAnnalen, Pertz, Script. I, 171). 4 )
Also nicht nur der Massengesang, sondern auch der einzelne Lied-vortrag klang rauh und unharmonisch. Das würde somit auch von demVortrag des epischen Sängers zu gelten haben. Aber irgend etwas anderesist doch in dem letztangeführten Urteil über das Singen der Deutschennicht gegeben, als was sich von selbst versteht, nämlich daß sie die Kunstdes römischen Kirchengesanges nicht erreichten.
§ 20. Der Stil.
Die verschiedenartigen Erscheinungen der dichterischen Sprachekönnen nur an der zusammenfassenden Beobachtung eines zugrunde ge-legten Dichtwerkes erörtert werden. Dieses soll beim Hildebrandslied ge-
GusT.THURAU,SingenundSagen,Berlinl912; | scriban, settian endi singan endi seggian
Heusler, Z. f. d. A. 49, Anz. 31,114 f.; Kögel,LG. 1,143; Piper, Spielmannsdichtung 1, 57bis 62. — Die Formel singen und sagen imAgs.: Otto Hoffmann, Reimformeln im West-germanischen, Diss. Freiburg 1885, S. 71;R. M. Meyer, Die altgermanische Poesie nachihren formelhaften Elementen S. 275; Grein2,453.
l ) That scoldun sea fiori thuo fingron
forä. .. that sea . . . gisähun: zu 'setzen' indieser Verbindung vgl. redea sezzan, obenS.49.
2 ) Siehe Schwietering S. 10 ff.
3 ) Siehe oben S. 18f. und das gotische Epi-gramm, Streitberg, Gotisches Elementarbuch3. u. 4. Aufl., Heidelberg 1910, S. 37.
4 ) Kelle, Chori saecularium S. 5.