Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
70
Einzelbild herunterladen
 

70

I. Die vorliterarische Zeit.

Verschiedenartig aber war auch die Behandlung der Stimme an sichallein, je nach dem vorgetragenen Stück. In der Hauptsache sind zweiArten prinzipiell zu trennen, der Gesangsvortrag und der Sprechvortrag, jenach dem Verhalten der Melodie (des musikalischen Moments).

1. Der Gesangsvortrag hat ein stark musikalisches Moment, im Wechselder Töne liegt eine ausgeprägte Melodie. So beim gesungenen Gesellschafts-lied, beim Leich, beim Tanzlied.

2a. Beim poetischen, gehobenen Sprechvortrag wirkt die Melodieebenfalls mit, aber sie ist nicht mehr abwechslungsreich, sondern monoton,nicht mehr musikalisch, sondern rezitativisch. Die Tonbewegungen sindgeringer, sie können ganz gering sein, ja die Wirkung kann geradezu durchdie Monotonie erzielt werden. Das ist der Fall beim Scoplied, also bei derBallade und dem Lehrgedicht, bei der Totenklage und beim Zauberspruch. 1 )Die christliche Liturgie hat oft solche gehobene Rezitation, besonders in derMesse. 2 )

2 b. Von den beiden poetischen Vortragsweisen unterschieden ist diegewöhnliche, nicht zum Vortrag bestimmte prosaische Rede, der gewöhn-liche Sprechvortrag. Er hat nur die Sprechmelodie und außerdem nichtden gebundenen, geregelten Rhythmus der Dichtung, sondern nur den ge-wöhnlichen Sprechakzent. Unter den literarischen Gattungen hat diese Dar-stellungsweise die prosaische Erzählung, das Spell, nur daß hier wieder einebesondere innere Stimmung auch im Vortrag zum Ausdruck kommen kann.Denn schließlich ist die Art jeglicher sprachlicher Äußerung abhängig vonder Stimmung des Innern.

Die Bezeichnung sowohl für den Singvortrag als für den rezitativischenSprechvortrag ist 'singen'. Got. siggwan bedeutet äöeiv singen und auchävayiyvcooxeiv rezitativisch die heiligen Bücher vorlesen (s. oben S. 34): sig-gwandans in hairtam izwaraim fraujin ädovxe? h mit; xagölaig vf.icöv zipxvQico Eph. 5,19. Kol. 3,16, dagegen siggwan bökös ävayv&vai Luc. 4,16(vgl. saggws bökö I.Tim.4,13), siggwadaMosesävayiyvcboy.naiMcoofjg II. Kor.3,15; ussiggwan ist immer = ävayiyvcoay.siv. Ebenso ist an. syngua, ags.as. ahd. singan vom Gesang und auch vom liturgischen Vortrag gebraucht,z. B. ahd. tho ward thar irfallit, thaz forasago singit Otfr. 1,19,19, thiebuah fon imo singent ebda 1,8, 26; scal man .. . thiz gibet singan Weißen-burg. Katechism., MSD. Nr. 56,18; Hier singet der propheta passionem do-mini Notker, Ps. 21,1.

Die Formel für den epischen Vortrag in den westgermanischen Literaturenist singen und sagen. 3 ) Sie bedeutet, ein erzählendes Gedicht in der

*) Vortrag der Rechtsquellen: Siebs, Z.f.d. Phil. 29, 408 ff.

2 ) Feierliche Prosa im Lateinischen und inden deutschen Rechtsquellen: Norden, AntikeKunstprosa S.160 ff.; rezitativisch gesprochenerVortrag griechischer Predigten ebda S. 859.

3 ) Lachmann, Über Singen undSagen, Ab-handlungen der Akademie der Wissenschaftenzu Berlin, 1833,105ff. u. Kl. Sehr. S. 461479;W. Grimm, Heldensage 3 S.422f.; Müllenhoff,Zur Runenlehre S. 32; Jul. Schwietering, Sin-gen und Sagen, Qöttinger Dissertation 1908;