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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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67
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B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. § 18. 67

Zwei angelsächsische Gedichte handeln eigens von der Kunst und denSchicksalen der Sänger. Wldsiä (s. S. 20), der Weitfahrer, ist der Typus desHofdichters, ein ideales Musterbild des ganzen Standes. Die meisten Völkerunter allen Menschen hat er durchwandert, er stammte aus einem vornehmenGeschlecht bei den Myrgingen. Er berichtet seine Fahrten und Kenntnisse,meist nur kurz Namen aufzählend, manchmal auch mit wenigen Worten treffendcharakterisierend. Fabelhafte Fahrten hat er gemacht, von den Israhelen undPersern, Ägyptern und Hunnen bis zu den Dänen und Schweden, Burgundernund Franken, Angeln und Sachsen. Günther hat ihm glänzende Geschenkegegeben als Sangeslohn. Viele Fürsten suchte er auf, so Dietrich und Attila;bei Alboin war er, der die bereitwilligste Hand hatte um Lob zu erwerben,das freigiebigste Herz um Ringe zu verteilen; und lange Zeit bei dem Goten-könig Ermenrich, der ihm einen Ring gab von geläutertem Gold, sechshundertSchillinge wert. Doch hat der fahrende Mann eine feste Heimstätte gefundenin seinem Volke, denn Eadgils, sein König, dem er Ermenrichs Ring zu eigengegeben, als er nach Hause kam, verlieh ihm zu Lehen das Besitztum, daseinst sein Vater hatte; und die Königin Ealhhild gab ihm noch ein anderes;darum preist er sie durch viele Länder als unter dem Himmel die beste derFrauen im Gabespenden. Er hat einen Sangesgenossen, den SpielmannScilling, beide zusammen erheben vor den Männern das Ruhmlied ihres Herrn,des siegreichen Königs Eadgils. So mischt sich Fabelhaftes und Erlebtes.Die Kunstreisen natürlich sind erdichtet, denn die aufgesuchten Könige lebtenja zu den verschiedensten Zeiten. Aber die Liste hat ihre praktische Be-deutung, sie umschreibt den Stoffkreis, welcher dem Scop zu Gebote standund aus dem er seine Lieder bilden konnte. Ein großes Wissen erwirbt sichder Weitfahrer und kann bei seinen Vorträgen aus einem reichen Sagenschatzeschöpfen. Auch der Charakter des Spielmanns ist deutlich ausgesprochen, denner hat ein starkes Bewußtsein seiner Kunst: niemals hörte man einen treff-lichem Sang (v. 108); aber die Hauptsache ist ihm, für Lied und Lobpreisunggehörig belohnt zu werden. Und mit diesem Grundsatz schließt das Gedicht.

Ein anderes Lied singt Deor (Deors Klage). Auch er kennt viele Helden-geschichten, und sie sind voll Sorge und Leid. Aber alles wurde überstanden.Das mag ihn trösten, denn auch ihn hat Kummer betroffen. Er, der Hof-dichter der Heodeninge, diente viele Jahre treu seinem König, aber dannerhielt sein Nebenbuhler Heorrenda, ein liedkundiger Mann, seinen Land-besitz, den ihm vorher sein Herr verliehen. So mag auch dies überstandenwerden. Eine hohe Auffassung der Kunst spricht aus den Worten diesesDichters: sie ist ihm die Trösterin in leidvollen Tagen. Das Lied lehnt sichan die Hilde-Gudrunsage an, denn daraus stammt der Name der Heodeninge,= Hegelinge in der Gudrun; und Heorrenda, = dem Horant der Gudrun.

Auch der Dichter des Heliand, wenn er auch ein Geistlicher gewesenist, war ein Volkssänger. Er hat, zufolge der lateinischen Präfatio, das Alteund das Neue Testament poetice, more poetico (= scophellchen) in den alt-

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