66 I. Die vorliterarische Zeit.
Ihre ganze Tiefe gewinnt die angelsächsische Epik durch ihren starkenStimmungsgehalt. Was im Äußern geschieht, wird zum innern Erlebnis underweckt im Herzen volle und nachklingende Teilnahme. Zwischen Freudund Leid geteilt ist das Dasein, aber echt germanisch ist die elegische Ge-wißheit, daß alle Freude am Ende schließt mit Herzeleid. Freundschaft undMannentreue, tapfere Taten, fröhlicher Jubel im Herrensaal mit Umtrunkund Harfenklang machen die Lebensfreude. Aber das Glück ist vergänglich,bald ist der Einsame alt und freundlos, dahin sind die Helden, öd steht dieHalle, das Harfenspiel ist verklungen. Auch solcher Stimmung weiß der ags.Scop ergreifenden Ausdruck zu verleihen: Beow. 2247 ff. („nicht mehr warHarfenwonne, Lustholzfreude" 2262 f.); 2455—59 („nicht ist da Harfenschall,Freude in der Wohnung, wie sie einst da war"); 3020—27 („nicht wird der Harfen-schall die Kämpfer wecken"); vgl. auch Seefahrer, Grein-Wülcker, Bibl. 1,292,44.
Aber die Person des Dichters spielt auch selbst mit in den epischenDarstellungen angelsächsischen Lebens. Wie der griechische Rhapsode gehörtder Scop zum Hofgesinde des Fürsten, zu dem Gefolge, zu seiner nächstenUmgebung. Er kann aus angesehenem Geschlechte stammen, ein unter denKriegern gefeierter Bankgenosse sein. Wie die Gefolgsmannen wird er reichbelohnt vom Herrn für seine Dienste. Vielleicht ist er festsässig im Volke,indem er mit Grundbesitz belehnt wird, viele aber wandern jahrelang vonHof zu Hof, unstet in der Fremde und heimatlos, angewiesen auf die Gunstder Mächtigen. So aber erwirbt sich der Scop Kenntnis vieler Länder, vielerHerrscher und ihrer sagenhaften Taten, Erfahrung im Treiben der Menschenund die List, dieses Wissen auszunutzen.
So stellt sich das Bild des Hofsängers im Beowulf dar: an jedem Tagherrschte fröhliches Treiben in der Halle des Dänenkönigs Hrodgar, da warHarfenklang, heller Sang des Scop (pcer wces hearpan swe5, swutol sanjscopes Beow. 88 ff.). Er erzählte aus der Vorzeit von der Schöpfung derMenschen, daß der Allmächtige die Erde schuf, das glänzend strahlendeGefilde, von Wasser umgürtet. Sonne und Mond setzte der Siegberühmteals Leuchte den Menschen und schmückte die Erde mit Zweigen und Blättern.Leben auch verlieh er jedem der Geschlechter, die atmend wandeln. DerSänger ist hier der vates, der Seher, der die Geheimnisse des Wissens vonder Welt bewahrt. — Auch bei dem folgenden Gelage fehlt der Sänger«nicht: ein Scop sang zuweilen hell in der Halle, da war Jubel und großesHochgefühl unter den Helden (Beow. 496—498). — Beim Festmahl für Beo-wulf endlich erschallt ebenfalls Gesang und Saitenspiel. Der Sänger wirdhier ausdrücklich 'Hrodgars Scop' (1066) genannt, also der zum Gefolgedes Königs gehörige Hofdichter. Diesmal aber wird nicht gesungen vomSchicksal der Welt, sondern von dem der Menschen, von dem Untergangeines mächtigen Geschlechts, des Friesenkönigs Finn. Im Beowulfslied alsosind die beiden wichtigsten Stoffkreise des Scopliedes vertreten, das religiöseLehrgedicht und das Heldenlied.