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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
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65
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B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. § 18. 65

bis 1774). Wie Volker ist Horant in der Gudrun ein ritterlicher Degen undzugleich ein kunstreicher Sänger: die Aventiure, die überschrieben ist 'Wiesuoze Horant sanc' (Str. 372 ff.), berichtet, wie er am Abend bei Hofe so herr-lich sang, daß alle Vöglein schwiegen, die Rehe im Walde, die Wurme imGras, die Fische im Wasser, sie ließen ihr gewohntes Treiben; und als er dieWeise von Amile anhub, die er auf dem wilden Meere gehört hatte, da wurdedie Jungfrau, um die er für Hetel, seinen Herrn, warb, von dem süßen Sangergriffen, daß sie willig wurde, des Königs Gattin zu werden, wenn nurHorant ihr jeden Abend und Morgen singen wollte. In einem der ältestenMinnelieder endlich ist der Monolog einer Frau wiedergegeben, die, auf derZinne stehend, in die nächtliche Gegend hinauslauscht auf das Lied, das einRitter 'in Kürenberges wise' singt, in banger Beklemmung wünschend, daßer das Land verlasse, weil es sonst um ihren Seelenfrieden getan ist (MSF.8,18). Und in dem lateinischen Walthariliede sitzt Hildegund zu den Häuptendes vom Kampfe ermatteten Geliebten in der Nacht und hält mit Gesangsich die schlafmüden Augen wach (v. 11801, vgl. H. Althof, Waltharii Poesis,2. Teil S. 312). Das ist die Macht des Gesangs, 1 ) beruhigend oder berückend,der die Müden in Schlummer wiegt oder das sehnsuchtsvolle Herz stärkerschlagen läßt. Es ist der Zauber, der in der Musik liegt, der dem Menschenden Willen bannt wie die Meeresweise von Amile, der Sirenengesang, oderwie die Pfeifentöne des Rattenfängers von Hameln, oder wie das Lied desguten Ritters Ulinger, das die Mädchen zur Liebe lockt (Uhland, Volks-lieder Nr. 74).

Die althochdeutsche und frühmittelhochdeutsche Literatur gibt uns überden Scopf und seine Kunst nur einzelne Worte, ein treues Bild abergewinnen wir aus der angelsächsischen Epik. Gesang und Harfenspielgehörten zu den Hofesfreuden, bei den gesellschaftlichen Gelagen in derFürstenhalle war der Platz für den berufsmäßigen Sänger, den Verfasserund Vortrager der Lieder. Über den Sängerberuf belehren einige angel-sächsische Dichtungen:Mancher soll im Haufen den Helden zu Ge-fallen sein, beim Bier die Bank sitzenden erfreuen, wo der große Jubel derTrinkenden herrscht. Mancher soll mit der Harfe zu seines Herrn Füßensitzen, Schätze empfangen, flink die Saiten rühren, fröhlichen Schall er-heben", Von den Schicksalen der Menschen, Grein-Wülcker, Bibl. 3,1 S. 150v. 8082.Mancher vermag mit Händen die Harfe zu greifen, er hat dieKunst, das Lustholz schnell zu schlagen", Von den Gaben der Menschen,ebda S. 141 v. 49 f.Mancher vermag mit den Fingern wohl laut vor denHelden die Harfe zu schlagen, zu greifen das Lustholz", Christ, ebda S. 22v. 668 f. Wie man aus den übereinstimmenden Worten sieht, sind dies formel-hafte Motive; die Dichter haben sie, um ihre eigene Kunst zu verherrlichen,mit einer gewissen Vorliebe in ihren Epen verwendet.

J ) Siehe Albleich, oben S.33; Panzer, Hilde-Gudrun S. 227 ff. 301 ff.

Deutsche Literaturgeschichte. I.