58 I. Die vorliterarische Zeit.
§17. 9. Spell.
J. Grimm, Kl. Schriften 1,104; Edw. Schröder, Z. f. d. A. 37, 241—268; Kauffmann,Balder S. 299ff.; KöGEL, LG. 1,32 Anm., Grundr. 2 S.36; Piper, Spielmannsdichtung 1,45—49.
Das gotische Verbum spillön wird Marc. 5,16 und 9,9 als Übersetzungvon dirjyeto'&ai erzählen, was gesehen oder getan wurde, gebraucht: jah spil-lödedun im palet gaselvan Ivaiwa warp usw., xal öujyyaavro avroTg ol Iöovtssnag sysvsro, bezw. ei mannhun ni spillödedeina patei gaselvan, ha firjdevldnjy^acovrai 8 eldov; die Vulgata hat an diesen Stellen narrare; ebenso us-spillön Luc. 8, 39. 9,10. In zwei andern Fällen hat spillön einen gehobenemSinn, 'verkündigen': jah waurda meina spillödedun i/nma, xal tovs Xoyovgfiov i£e<peQov amcä Nehem. 6,19, und besonders gaspillö piudangardja gudis,öidyyeUs r)jv ßaailsiav xov deov Luc. 9,61; in der Vulgata steht an der erstenStelle nuntiare, an der zweiten annuntiare. Noch feierlicher ist spillön in derBedeutung evayyeKCofiai, eine frohe Botschaft bringen, in der Vulgata ebenfallsevangelizo: von der Verkündigung Christi durch den Engel bei den Hirten, spillöizwis faheid mikila Luc. 2,10, und von den Friedensboten, fötjus pize spil-löndane gawairpi Rom. 10,15. In dieser letztern Bedeutung von eiayyeXl^ofxaiist spillön = piupspillön Luc. 3,18 und wailaspillön Luc. 8,1. Das Nomenactoris spilla kommt in der Skeireins 1,26 vor: der Bote des Wandels imEvangelium, spilla wairpan aiwaggeliöns usmete. Das Subst. spül n. dientan den vier Stellen, wo es überliefert ist (I.Tim. 1,1. 4,7. II. Tim.4, 4. Titus1,14), zur Übersetzung von uMos, in der Vulgata 'fabula'; damit sind jüdische(Titus 1,14), mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinbarende Wunder-geschichten und griechische Mythen gemeint. — An. ist spjall n. Erzählung,Sage, verb. spjalla; ags. spell n. (Bosworth-Toller S. 900 f.), ebenfalls eine Er-zählung, eine Geschichte, auch, wie im Gotischen, eine erfundene Geschichte,.eine Fabel, z. B. fabula, fabella spei uel iinnyt sprcec Wright-Wülcker Voc. 1,234,31; anilis fabula (vgl. I. Tim. 4,7) ealdra cwena spell 179,33; fabulositasspellunj 179, 32 f.; Fabvlae, pcet synd idele spellunsa. Fabvlae synd pdsasa, pe menn secjact on^eän jecynde, pcet cte ndefre ne jeweanl ne jewurdanne mcej Älfrics Grammatik 50,29 (Zupitza S. 296); doch gilt spell auch füreine wahre und heilige Geschichte, Predigt, daher ags. jodspell, engl, gospel,Erzählung von Gott, Evangelium, spellboda m. Überbringer eines Spells, einerBotschaft, Bote, Gesandter; das Verbum spellian ist = erzählen, verkündigen.Neuengl. ist spell von der Bedeutung Erzählung, Märchen zu 'Zauberspruch'weitergeschritten, da das Wort besonders von volkstümlichen Stoffen galtund die Zaubersprüche zugleich epischen Einschlag hatten.
In der Bedeutung stimmt mit dem ags. spell das ahd. spei nahezuüberein: sermo, narratio, parabola, similitudo, fabula (Graff 6,333f.). Ootspelevangelium (verb. gotspellön), das nur im Tatian und in den MonseerFragmenten vorkommt, ist ein Lehnwort aus dem Angelsächsischen. Foraspelträgt ebenfalls biblischen Charakter, es ist = prophetia (Isidor, Hench XXV, 1;Mons. Fragm., Hench VIII, 26), so viel wie forasagono spei Verkündigung