B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. 8. Streitgedicht. § 16.
57
im Mittelalter, Germanist. Abhandl. 13, Breslau 1896. — Müllenhoff, DAK. 5,163. 248 f.;Wilmanns, Z. f. d. A. 153 ff.
Der streitbare und streitsüchtige Charakter der Germanen fand in derLiteratur einen Ausdruck im Streitgedicht. Wortstreite gehörten zu denLebensgewohnheiten und besonders zur Unterhaltung bei den Gelagen. DerAngreifende sucht durch Hohnreden den Gegner zu reizen, der dann demHerausfordernden den Hieb zurückversetzt, bis der Wortstreit entweder gütlichbeigelegt wird oder in einen Waffenkampf übergeht. Dieser gefährlicheHang ist schon Tacitus aufgefallen: Crebrae ut inter vinolentos rlxaeraro conviclis, saeplus caede et volneribus transiguntur, Germ. Kap. 22.*)Beim Gastmahl des Turisind wird durch die gegenseitigen Spottreden zwischenden Gepiden und den Langobarden die Erbitterung so groß, daß beideParteien zu den Schwertern greifen (Paulus Diaconus, Hist. Langobard. I, 24),und der stolze Unferd, neidisch auf Beowulf, löst, dessen Ruhm verkleinernd,bei Hrodgars Gelage die Streitrune (Hünfent .... onband beada-riine, Beow.499 ff.; vgl. auch Beow. 2041 ff.).
Nur in der altnordischen Literatur ist das Streitgedicht zu einerselbständigen Gattung ausgebildet, hier ist ja der Dialog zu einer charakte-ristischen Kunstform geworden. Nahe liegen schon die Rätselwettstreite, dieeinen heftigen Ausdruck annehmen konnten. Und auch selbst die Tendenzder Belehrung ist mit den Spottgedichten verbunden. Im Harbardslied ver-höhnen sich gegenseitig Harbard (d. i. Odin) und Thor, und die Idee ist derWettstreit der Stände, der Adlichen, deren Gott Odin ist, und der Bauern,die Thor vertritt. Beim Gelage entwickelt sich die Hohnrede Lokis gegendie Götter und besonders gegen die Göttinnen, die Lokasenna, eigentlichschon eine Ironie auf die heidnische Götterwelt. Unter den Sprüchen desHövamöl richten sich drei, die Strophen 30. 31. 32, gegen den „höhnischenSpott am Trinktisch", das „Necken beim Trünke", das „Hänseln beim Humpen".Ein heftiges Wortgefecht wird auch zwischen Gudmund und Sinfjotli im erstenHelgiliede geliefert (Str. 33—45). 2 )
Dieser Typus der Spottgedichte scheint erst im Altnordischen ausgebildetzu sein, während im Westgermanischen das Spottgedicht als eine literarischeForm nicht nachzuweisen ist. Einzelne Spottverse mögen schon früh in vor-literarischer Zeit umgelaufen sein.
Reizreden als Aufforderung zum Kampf, Ruhmreden, Trutzreden 3 ) sindgermanische Sitte gewesen. Solche finden sich sehr häufig als Motive inKampfschilderungen, auch besonders im Mittelhochdeutschen. Der technischeAusdruck dafür ist ags. jelp jielp m., verb. je/pan sielpan (Bosworth-TollerS. 41 lab. 476b f.), ahd. mhd. gelf gelpf (Graff 4,196 f.).
>) Müllenhoff, DAK. 4,338 f.
2 ) Altnordische Wechselprahlreden s. Wein-hold, Altnordisches Leben S. 463 f. — Bei denSkandinaviern war die Sitte, bei Gelagen oderauch bei Tänzen die Unterhaltung durch Spott-
reden zu würzen, ganz besonders ausgebildetund lange in Übung.
3 ) Müllenhoff, DAK. 4,339; Ehrismann,Beitr. 32, 286—291.