56 I- Die vorliterarische Zeit.
9,1 (Bosworth-Toller S. 782b f. 785b), engl, riddle; as. problema radisli Gl. 1,384,22 (Wadstein, Kl. as. Sprachdenkm. S. 75 a); [per] enigmata radislon (Düssel-dorfer Prudentius-Gl.) Gl. 2, 578, 15 (Wadstein S. 92 b); a hd. sehr häufig inverschiedenen Ableitungen: aliatn parabolam, adproposltionem dedlt zera-dislen Gl. 1,713,14 (Xanten); problema ratussa, ratiska, ratlski, ratinisca,ratnissa, ratunga 1, 385, 67; rätissa usw. aenigma, problema, parabola,propositio, conjectura, verb. rätissön, rätussön, rätiscön conjicere, conjectare,Nomen agentis rätissärl conjector bei Graff 2, 467—469.
Zwei Arten von Rätseln sind zu unterscheiden: der einfache, volks-tümliche, gnomenartige Rätselspruch, Rätsel im eigentlichen Sinn, eineSpielerei des Witzes, die mehr zur Unterhaltung als zur Belehrung dient;diese können dann auch zu Sammlungen vereinigt werden. Dann das kunst-mäßige Rätselgedicht. Diese Gattung ist im Altnordischen und im Angel-sächsischen vertreten, aber auch hier in zwei verschiedenen Formen. Diealtnordischen Rätselwettstreite, die unter den eddischen Götterliedern ihreStelle haben, sind als Dialoge abgefaßt, als Frage und Antwort. Es handeltsich hier aber nicht um pointierten Witz, sondern um ernste Weisheit. DasWissen der wichtigsten Geheimnisse, von den Schicksalen der Götter undRiesen, der Menschen und der Welt ist niedergelegt in den Fragen Odinsan den Riesen Vafthructnir im Vafbrüanismöl, Thors an den allwissendenZwerg Alwis im Alvissmöl, des kecken Knaben Swipdag an den RiesenFjolswid, den Vielgewandten, im Fjolsvinnsmöl. Die Frage- und Rätselformist also hier nur der äußere Rahmen für den lehrhaften Inhalt, das Lehrenist die Hauptsache, es sind didaktische Gedichte mit Wissensfragen, ja siescheinen geradezu aus der Schulmethode hervorgegangen zu sein.
Im Gegensatz zu dem lehrhaften Zweck der altnordischen Rätselreden sinddie neunundachtzig angelsächsischen Rätsel Cynewulfs 1 ) rein poetisch.Es sind kleine, aber inhaltreiche Bilder, in denen der Gegenstand des Ratensphantasievoll ausgemalt wird. Anschaulich ist die Darstellung dadurch, daßdie Dinge oder Tiere als menschliche Wesen auftreten, oft in erster Personsich selbst schildernd. Der Reiz besteht besonders darin, daß hier Szenenaus dem Leben im angelsächsischen epischen Stil vor uns entrollt werden.Vieles ist aus volkstümlicher Tradition geschöpft, vor allem das Milieu und dieStimmung, in den Stoffen aber lehnt sich der Dichter an seine beiden lateinischdichtenden angelsächsischen Landsleute Aldhelm (f 709) und Tatwine undden von ihnen benutzten Lateiner Symphosius an.
Die altsächsische und althochdeutsche Literatur besitzen das Rätselals literarische Gattung nicht.
§ 16. 8. Streitgedicht.
Kelle, LG. 1,47.307; Kögel, LG. 1,56—58, Grundr. 2 S.48f.; K. Weinhold, AltnordischesLeben, Berlin 1856, S. 341—343; Herm. Jantzen, Geschichte des deutschen Streitgedichtes
J ) B. ten Brink, Gesch. der englischenLiteratur 1, 65 ff.; R. Wülker, Grundriß zurGeschichte der ags. Lit. § 71—78 S. 165—170.
514; Ebert, Gesch. d. christl.-lat. Lit. I 1 , 590-592 (Aldhelm), 3 ', 41—44 (Cynewulf).