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I. Die vorliterarische Zeit.
Von dem Entstehen der Götter, der Menschen, der einzelnen Volks-stämme erzählten epische Lieder (s. oben S. 17 ff.). Aus ihnen schöpften die.Historiker ihre genealogischen Berichte: x ) Jordanes (Gotengeschichte Kap. IVff.),Paulus Diaconus (Langobardengeschichte Kap. III ff.), die Origo gentis Lango-bardorum, Widukind (Sachsenchronik Kap. I ff.); damit beginnt auch einesder langobardischen Gesetzbücher, der Edictus Hrotarith. Nordische Ahnen-reihe lehrt die Riesin Hyndla in dem eddischen HyndluljöS (Str. 11 ff.).
Aus der Tiefe der germanischen Volksseele herausgewachsen ist dieSpruchweisheit. Es sind oft einfache Erfahrungen des Alltagslebens, dabeiauch Beobachtungen ganz bedeutungsloser Dinge. Aber sie steigen aufzu den erhabensten Gedanken über die Eigenschaften und Pflichten derMenschen, über das Wesen der Gottheit.
Als selbständige Idee, als über dem einzelnen stehende Macht herrschtdie Sitte durch die Jahrhunderte. In den Sprichwörtern hat sie feste sprach-liche Form gewonnen. Die Sprüche vererben sich von Geschlecht zu Ge-schlecht, kluge Leute im Volke verstehen sie zu bewahren. Neben der Tapfer-keit verleiht Weisheit höchstes Ansehen. Es ist aber eine Eigenschaft derGermanen, daß sie ihre Kräfte messen im Wettstreit, auch ihr geistiges Können.„Kluge Männer sollen Weisheitssprüche wechseln" {^lea-we men sceolon5ieddum wrlxlan, Versus Gnomici, Grein-Wülcker, Bibl. 1,342,4) heißt es imEingang einer angelsächsischen Gnomensammlung. „Für klug gilt, wer kundigim Fragen und im Antworten auch" und „der Frage und Antwort sei fähig derKluge, der als weise zu gelten begehrt" lauten zwei Sprüche im Hövamöl(Str. 28 und 63).
Nur bei den skandinavischen Völkern, den Isländern vor allem, beidenen Heidentum und Christentum fast unmerklich verschmolz, wo alteheidnische Anschauungen von neuen christlichen synkretistisch beeinflußtund umgestaltet wurden, hat sich eine Literatur ausgebildet, die jene hohenIdeen in erhabener Form und in einem festen System aussprach, poetischhauptsächlich in der Voluspo, im VafprüSnismöl Str. 20 ff., in Prosa in derGylfaginning. 2 )
Die Wissenschaft von den höheren Dingen wurde also auch in epischenLiedern, nicht nur in lehrhafter Form vorgetragen. Das eigentlich literarischeGebiet der praktischen Lebens Weisheit und -klugheit aber ist die Gnomik,die Spruchdichtung. Gewisse Erfahrungssätze scheinen schon in ger-manischer Zeit eine feste Prägung in Sprichwörtern gefunden zu haben. DieForm war auch für die Fassung solcher kurzen, für das Gedächtnis bestimmtenSentenzen wohl geeignet, da die Schlagwörter durch den Stabreim kräftig
mann, Z. f. d.Phil. 25,401 f., Golther, Mythol.S. 503 f. Schon in dem Religionsgespräch zwi-schen Chlodowech und seiner christlichenGemahlin wird über das Thema von der Welt-schöpfung gehandelt, Gregor v. Tours, Frank.Gesch. II, 29—31; J. Grimm, Mythol. S. 88 f.;
Golther, Mythol. S. 506; Beowulf 90 ff.;Wess,ob runner Gebet (s. unten).
*) Stammtafeln: Müllenhoff,DAK.4,1 12.
2 ) Zu Voluspp: Müllenhoff, DAK. 5,1,3 ff.; Vafprüdnismöl ebda S. 237 ff.; HövamölS. 250 ff.