Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
53
Einzelbild herunterladen
 

B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. 6. Lehrgedicht. § 14. 53

oder sie wurden, wenn sie dem Menschen feindlich sich stellten, zu Teufelnoder Hexen gestempelt. Aus dem heidnischen Zauberlied, dem galder, istsomit ein christlicher 'Segen' geworden, da man bei der Beschwörung dasZeichen des Kreuzes (signum = Segen) machte.

In christlichem Gewände blühte das Besprechungswesen durch dasMittelalter und ist heute noch manchfach im Volke trotz Aufklärung undVernunft eine größere Macht als die ärztliche Wissenschaft. Besonders dieniederen Geistlichen, die Bettelmönche und Dorfpfarrer, die aus dem Volkehervorgegangen waren und mit ihm weiter lebten, waren geradezu Pflegerdes Zauberglaubens. Von solchen Verfassern rühren viele Aufzeichnungenund ganze Sammlungen von Segenssprüchen im späteren Mittelalter her.

Aber die Besprechungen sind ja nur ein Teil des Aberglaubens. Eineganze, unheimliche Welt des Heidentums lebte im Mittelalter als eine Unter-schicht unter dem lichten Himmelsglauben von Gott und seinen englischenHeerscharen. Wie ehemals, vor der Verkündigung des einen barmherzigenGottes, fühlte man sich auch jetzt noch angstvoll umgeben von unsichtbarenGewalten, die auf Schritt und Tritt Unheil bringen konnten, von Gespensternund Geistern, Unholden, Maren und Hexen. Bis auf den heutigen Tag ist dasgalster (mhd.), der Zauberspruch, weithin im Volke für wirksamer gehaltenals das Rezept des Arztes. Für alle möglichen Krankheiten wird 'Sympathiegebraucht', nicht nur für die Menschen, sondern auch für das Vieh, und esgibt Sprüche gegen Feuers- und Wassersgefahr, Dürre und Regen, gegenBehexung, gegen Verwundung, um sich 'fest' zu machen, gegen Hieb undStich, gegen Diebe, um Liebe zu erwerben oder abzuwehren.

Hinsichtlich der Anwendung und des Zweckes der Zaubersprüche kannman zwei Gruppen unterscheiden, eine vorbeugende und eine abhelfende.Der Segen hat den Zweck, einem künftigen Übel vorzubeugen, es ab-zuwenden; die Beschwörung will ein gegenwärtiges Übel entfernen. 1 )

§ 14. . 6. Lehrgedicht.

Die Religion ging für die Germanen, wenigstens für den geistig hoch-stehenden Teil, nicht auf in einem äußerlichen Kult oder in den Fabeleiender Mythologie. Ein starkes Bedürfnis, die über das Vergängliche hinaus-gehenden, verborgenen Welten zu durchdringen, lebte in diesen tiefgründigen,grübelnden Menschen. Was war vor den Göttern, wohin werden sie gehen,wie war's mit uns Menschen und wie wird es sein? Die Fragen nach denPolen des Weltgeschehens, nach Entstehen und Vergehen, 2 ) lagen ihnenvor andern am Herzen, darüber holten sie sich Erkundigung bei den christ-lichen Priestern und klug wußten die Missionare dieses Wissens- und Heils-bedürfnis zu benutzen. 3 )

1 ) Siehe unten Zaubersprüche. I gisterS.352(Weltschöpfung),338 (Ragnarek);

2 ) J. Grimm, Mythol. Kap. XIX (Schöpfung) Golther, Mythol. S. 501543; R. M. Meyer,= S.463482u.Nachtr.S.160164,Kap.XXV Religionsgesch. S. 441460.

(Zeit und Welt) = S. 659688 u. Nachtr. S. 235 3 ) Beda, Hist. eccl. II, 13, s. Beitr. 35,209f.;

bis245; E.H.Meyer, Germ. Mythol. s. Re- desBischofsDanielv.WinchesterBrief.KAUFF-