B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. 5. Zauberlied. § 13.
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und den Zusammensetzungen seictgaldr Zaubergesang, galdramadr Zauber-mann, galdrakona Zauberweib. Zauberkenntnis ist Weisheit, darum könnenauch die weisen Männer und Frauen, die Seher und Seherinnen, Propheten undProphetinnen zauberkundig sein (spätnactr der weise Mann, desgl. an. vitki,ags. wite-^a Prophet, wicca Zauberer, engl, witch, ahd. whßgo; an. späkona dieweise Frau, volva die Sibylle). Besonders aber besaßen Frauen die Gabe derWeissagung und des Zauberns (s. oben S. 12). Seltener ist das dem deutschenentsprechende an. Wort tau.fr n. Zauberei, Amulett. Wirksamen Zauber aus-üben kann jeder, der die rechten Runen oder Sprüche versteht, und er kannihn anwenden auf andere oder auf sich selbst.
Der Inhalt der Runen oder Sprüche konnte sehr verschiedenartig sein,je nach dem Bedürfnis, das erfüllt werden sollte. Siebenzehn Sprüche weißHär, der Erhabene, das ist Odin (Hövamöl 145—161): gegen Kummer, Krank-keit, gegen das Schwert des Feindes, gegen seine Fesseln, gegen seinenPfeil, gegen seine verzauberte Wurzel, gegen Brandstiftung, gegen Zwietracht,Seesturm, Walküren, den Schildraunzauber, den Leichenzauber, den Wasser-weihzauber, den Spruch von den Göttern und den von ihrer Kraft undendlich den Liebeszauber, Liebe zu erlangen und Liebe festzuhalten. Werdiese Sprüche kennt, dem bringen sie Nutzen und Heil. Im Grögaldr lehrt dasZauberweib Gröa ihren Sohn neun Zaubersprüche, daß das Glück ihn begleite;im Sigrdrifumöl gibt die Walküre Sigrdrifa, die in allen Welten Bescheid weiß,dem Sigurd Lieder und hilfreiche Stäbe, gute Zaubergesänge und Wonnerunen(fullr er kann tjöda ok liknstafa, göctra galdra ok gamanrüna Str. 5).
Die Zauberkunst Odins 1 ) ist am umfassendsten dargestellt in derYnglingasaga Kap. 7: er konnte seine Gestalt verwandeln, durch Worte konnteer Feuer erlöschen, den Meeressturm stillen und die Winde lenken und Toteerwecken. Er lehrte seine Künste auch andere durch Runen und Lieder,welche galdrar heißen, weshalb die Äsen auch Galderschmiede genanntwerden. Er verstand auch die Kunst des seidr und sah dadurch die Schick-sale der Menschen voraus, konnte selbst Tod, Unglück oder Krankheitenbereiten und Verstand und Kraft geben oder nehmen. Er wußte jeden Erd-schatz, wo er verborgen war, und er verstand die Lieder, durch welche vorihm die Erde, die Berge und Felsen und Hügel sich öffneten und bannte mitWorten die, die darin wohnten.
Bei dem geistlichen Charakter der angelsächsischen, altsächsischenund althochdeutschen Literatur ist keine Gelegenheit zum Eingehen auf dasZauberwesen gegeben, wohl aber ist eine größere Anzahl von ags. und ahd.Zaubersprüchen erhalten.
Im Angelsächsischen begegnen das Wort für Zauber, jaldor m., sowiedas Verbum ja/a/z singen (neuengl. in nightingale) häufig, 8 ) dazu Ableitungen
*) Wolf v.,Unwerth, Untersuchung überTotenkult und Odinnverehrung bei Nordger-manen und Lappen, Germanist. Abhandl. 37,
Breslau 1911.
2 ) Bosworth-Toller S. 358 f. 365; Grein1,366.492.