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I. Die vorliterarische Zeit.
Stellungen und dem Gespensterglauben, das Zauberwesen tief begründetund ein Hauptbestandteil der Religion und des Kultus. Es stammt ausder indogermanischen Urzeit und die einzigen Reste gemeinsam indo-germanischer Dichtung sind eben die Zaubersprüche. Denn Poesie sinddiese formelhaften Reihen, weil sie in Anschauung und Ausdrucksweiseüber das gewöhnliche Maß gehoben und in eine entsprechende feierlichereForm gebracht sind. Sie sind primitive Religionsdichtung.
Im altnordischen Leben warder Glaube an die Macht des Zaubers ganzeingewurzelt. Odin, dem der Kreis der höheren geistigen Tätigkeiten zugeteiltist, waltet als Gott der Dichtung und der Weisheit. Die tiefste Weisheit,eine verborgene, nur Auserlesenen mitteilbare, enthalten die Runen. Odinauch ist der Finder der Runen. 1 ) Runen 2 ) sind Zeichen, die ein Geheim-nis bergen, mit deren Kenntnis man die Zukunft erforschen oder die Gegen-wart nach seinem Willen gestalten kann. Das letztere aber ist eben dasZaubern. Schon die Runen als die in Stäbchen eingeritzten Zeichen habenmagische Kraft, aber auch das'Wort kann mitwirken, die in geheimnisvollemraunenden Flüstertone gesprochene, richtige Formel. Dann liegt schließlichdie Bedeutung allein in den Worten, in der Zauber-, Segens- oder Be-schwörungsformel.
Got. rüna f. /lwotijqiov Geheimnis, auch (geheimer) Beschluß, garünl n.av/Lißovkov Beratung; an. rün f. Geheimnis, das geschnittene Runenzeichen;ags. rün f. Rune als Buchstaben, Geheimnis, Beratung, verb. nlnian susurrare,mu(s)sitare (Bosworth-Toller S. 804b. 805 a); ahd. rüna f., susurrio, mysteria,garüni n. mysterium, arcana, sacrüm, sacramenta, verb. rünen susurrare,mus(s)are, mus(s)itare, und Ableitungen (Graff 2, 523—527). Der Grund-begriff von runa ist also 1. Geheimnis, 2. geheimnisvolles Zeichen, 3 ) Buch-stabe; und das Verbum rünen, raunen, ist geheimnisvoll, heimlich reden,leise reden, flüstern, wispeln. 4 )
Die altnordischen Wörter für die Zauberei sind zahlreich: seidr m.Zaubergesang, 5 ) dazu das verb. seiäa zaubern und die ZusammensetzungenseM/nacfrZaubermann, seiftkona Zauberweib, seidlatti die eigenartige Vortrags-weise des Zaubergesangs; galdrm. Zaubergesang, mit dem vtrb.gala singen
') Odin als Finder der Runen und alsVater des Zaubers: Golther, Mythol. S. 338bis 350; Kauffmann, Balder S. 203 ff.
! ) W. Grimm, Über deutsche Runen, Göt-tingen 1821; J. Grimm, Mythol. S. 1024 f. u.Nachtr. S. 364 f.; Rochus v. Liliencron undK.Müllenhoff, Zur Runenlehre, Abdruck ausder allgem. Monatsschrift f. Wissenschaft undLitteratur, Halle 1852; Sievers in Pauls Grundr.1», 248 ff.; MOllenhoff, DAK. 4, 222 ff. 585bis 587 (Z.f. d. A. 18, 250—257); E. H. Meyer,Germ. Mythologie, Register S.340; R.M.Meyer,Beitr. 21,162—184.32,67—84; Edw. Schrö-der, Z. f.d. A. 37,267; Kauffmann, Balder,Register S. 307; Helm, Religionsgesch. S. 100 f.
280—284.
3 ) Runen als Orakelzeichen zur Erfor-schung der Zukunft: Tacitus, Germ. Kap. 10,s. MOllenhoff, DAK. 4,222 ff.
4 ) Über wispeln s. J. Grimm, Mythol.S. 1023 f. u. Nachtr. S. 364, und Kl. Sehr. 7,8. —Die von Kogel, LG. S. 81 aus des Paulus Dia-conus Hist. Langob. 1, 13 angeführte Stelle be-trifft keine Zauberformeln, sondern ist die lan-gobardische Freilassungsformel, deren Wort-laut im Edictus Hrotharit Kap. 224 steht.
5 ) Über den Matronennamen Saitchamimsin einer rheinischen Steininschrift s. MUCH,Z. f. d. A. 35,315—324; Helm, Religionsgesch.S.401.