44 I- Die vorliterarische Zeit.
rische Possen) und sisua Totenklage entspricht der Bedeutung des lat.nenia, welches diesen doppelten Sinn hat (in zwei Glossen getrenntneniam khlagasanc und nenia giposl Gl. 4, 81, 18. 22); auch für denchristlichen Priester war die Sitte der Totenlieder zugleich possenhaftesheidnisch-weltliches Gebaren. Ferner kommt das Wort vor in Zusammen-setzungen als sisesang: tlbicines tibia carmen lügubre canentes siue(verschrieben aus sise) sanc siue suegelara, siegcelara tibia carmen lü-gubre canentes sisesang Gl. 1, 711, 63 ff. (9. und 11. Jahrh.; Glosse zuMatth. 9, 23 'tibicines'; das erläuternde tibia carmen lugubre canentes,mit der Flöte ein Trauerlied spielend, ist eine Erklärung im Sinne der Er-zählung von der toten Tochter des Jairus) und in dadsisas (N. Plur.) in demaltsächsischen Indiculus superstitionum Z. 2, De sacrilegio super defunctosid est dadsisas (Wadstein, Kl. as. Sprachdenkm. S. 66 u. 142 ff.), wo as.däd = död ist, also Klagelieder über Tote. Für eine weitere Verbreitungdes Wortes sprechen die Personennamen, deren erstes Glied Sisi- bildet. 1 )Sie begegnen bei verschiedenen deutschen Stämmen: Sisa, Siseberga, Sise-guntia, Susuhagdis? (fränkisch), Sesenanda (burgundisch), hier in Frauen-namen; besonders aber bei den Langobarden: Siso, Sesoaldus, Sisebertus,Sesemund (masc), und bei den Westgoten in Spanien: Sisebut, ZiolcpQtdos,2ioiyig, Sisebald, Sisinand (masc), Sisivera (fem.). Nur bei den letztenbeiden Völkern ist die Bildung mit sisi- fruchtbar gewesen, bei den deutschenaber hauptsächlich auf Frauennamen angewendet und nur sporadisch. Derälteste derartige Name ist der des Cheruskers Zeoiday.og (Strabo 7, 292).
Das Wort war zur Zeit unserer Glossen schon archaistisch, daher dieunsicheren Flexionsformen. Die Endungen, sisuua gegen Sesi-, Sisi-, deutenauf ein Nebeneinander von wa- (ursprünglich wohl u-) und Z-Stamm. 2 )Die Bedeutung scheint ursprünglich 'Zauberlied' gewesen zu sein, wie auchlat. nenia Leichengesang, Kinderlied (Possen) und Zauberlied umfaßt. DieWurzel wäre dann onomatopoetischen Ursprungs, aus dem eintönig summendenVortrag entnommen, reduplizierend sesi, sisi, sisu-, vgl. süsen summen, leisesingen, wie beim Einschläfern 3 ) (einsusen) der Kinder, Schmeller-Frommann2, 330; Laszt uns forschen bey den warsagern, und zeubern, die da saussenauff jre zeuber weise Luther 2, 36a, s . DWb. 8, 1933, 5 und 1934 f., 10(leise singen, summen), Diefenbach Gloss. und Nov. Gloss. a. a. O.; vgl.lat. susurrare (cantica). In diesem Sinne ist sisu von dem geheimnisvollflüsternden, raunenden Vortrag der Zaubersprüche jeglicher Art entnommen,mit besonderer Hinsicht auf einen feierlichen Totenzauber, wie die Helli-
') Förstemann, Namenbuch I 2 , 1344— I Klageruf gewesen ist; Rufe als Urbestandteile1347; W. Brückner, Die Sprache der Lango- | derTotenklagebeidenGriechen(<7;(/;),Korsen,
barden, QF. 75 (1895), 67.305; F. Wrede, Überdie Sprache der Ostgoten in Italien, QF. 68(1891), bes. S. 105—107.
-) Zu sisi — sisu vgl. fridi — fridu.wisi —wisu, fili — filu Kögel, LG. 1, 52 Anm. 1.
3 ) Möglich wäre auch, daß sesu sisu der
Aromunen u. a. s. bei Böckel, Psychologie derVolksdichtung 2 S. 12 f. Si sa als Ruf und Re-frain bei einem Sommertagslied s. Albr. Die-terich, Archiv f. Religionswissensch. 8, SA.S. 8; suse suse beim Einschläfern der Kinders. Böhme, Kinderlied und Kinderspiel S. 13.