B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. 4. Klagelied, Totenklage. § 12. 41
Schutzsprüche gegen die Gefahren des Lebens. Im Angelsächsischen gibtes ein masc. und fem. Nomen agentis, eine Person bezeichnend, mit derBedeutung 'der (die) in den Zauber der Hölle, des Todes Eingeweihte,Runen des Todes kennend' x ), wie an. runi schw. m., räna schw. f. Freund,Vertrauter: nämlich ags. fem. hellerüne pythonlssa, Zauberin, Bosworth-TollerS. 526 b; bei Wright-Wülcker, Voc. 1,343,4 a pithonlbusfram helmnum; pithonishelrun 470, 27. 471, 33; plthonissa helryneju 472,1. Das ags. Maskulinumhelrüna wird angewendet auf Grendel, den bösen Geist, und Seinesgleichenals Vertraute der Hölle (Beow. 163).
Die Kirche wendet sich also weniger gegen die Totengesänge als gegendie die christliche Sinnesart stark verletzenden Lustbarkeiten. Aber dieseGebräuche waren zu tief in der Gewohnheit des Volkes eingewurzelt, alsdaß sie selbst die Macht der Priester hätte auszurotten vermocht. Leichenmahlund Trinkgelage haben sich bei den Totenfeiern bis heute erhalten. Sowichtige Ereignisse müssen auch in festlicher Weise begangen werden.
Wie fest es im sittlichen Bewußtsein des Volkes haftete, daß von denLebenden über die Toten die Klageworte auszurufen seien, das zeigt diemittelhochdeutsche Dichtung. 2 ) Regel ist es sowohl im volkstümlichenals im höfischen Epos, daß die Klage angestimmt wird, wenn eine für dieErzählung wichtige Persönlichkeit stirbt. Diese Klagen bilden den festenelegischen Bestand in den mhd. und afrz. Romanen. Die Ausdrucksformensind die altherkömmlichen: Klage und Preisworte, Rache, heftige Schmerzens-äußerungen (bei den Frauen, außer Tränen, oft auch Zerraufen des Haars,Zerschlagen der Brüste, vgl. die Klagegebärden der Mütter beim bethlehe-mitischen Kindermord, Otfr. 1, 20, 9—12). An Stelle der heidnischen Freude-bezeugungen, der Scherze und des Lachens, ist der Tröster getreten; dieGelage fehlen. Man erkennt den mildernden Einfluß des Christentums. DieKirche selbst hat die Totenklage in ihre Kunst aufgenommen (eines derältesten Beispiele in Deutschland gibt der Ordo Racheiis, Weinhold, Weih-nacht-Spiele und Lieder S. 64 f., dazu das lat. Lied Z. f. d. A. 14, 481),denn die Klagen der Gottesmutter am Kreuze (ähnlich bei Otfr. 5, 7, 21 ff.die Klage der Maria am Grabe Jesu), die Marienklagen, sind, besondersim mittelalterlichen Schauspiel, ganz aus dem Volksempfinden genommen.So hat sie auch hiermit einen heidnischen Brauch, der nicht zu vertilgenwar, in den Dienst des Christentums gestellt. Auch bestand noch die Sitte,Klag- und Preislieder auf den Tod von Fürsten zu verfassen, und wie dergermanische Scop, so sang'der mittelalterliche Hofdichter vom Ruhm derGestorbenen und vom Leid der Überlebenden. 3 )
1 ) Hövamöl Str. 156.
2 ) G. Zapp'ert, Ober den Ausdruck desgeistigen Schmerzes im Mittelalter, Denk-schriften der Wiener Akademie V, 73 ff.; Ehris-mann, Z. f. d. Phil. 36,397 f.; Otto Zimmer-mann, Die Totenklage in den altfranz. Chan-
sons de geste, Berliner Beitr. zur german. u.roman. Philologie, roman. Abteilung Nr. 11,Berlin 1899.
3 ) Lateinische Totenklagen sind häufig,vgl. z. B. die lateinische Nenia de mortuo Hein-ricoII.imperatoreunddiedarauffolgendeNenia