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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
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37
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B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. 4. Klagelied, Totenklage. § 12. 37

Schon Tacitus erwähnt in der Germania Kap. 27 die Klage um dieVerstorbenen: lamenta ac lacrimas cito ... ponunt. Jordanes gibt in seinerGotengeschichte zwei Schilderungen von Leichenfeiern. Unter einem Haufenvon Gefallenen finden die Westgoten die Leiche ihres Königs Theodorich.Klagegesänge erheben sich auf dieser Stelle, und, ihm die letzte Ehre erweisend,tragen ihn seine Getreuen unter Tränen und Waffenschall vom Schlachtfeldweg. Sein Sohn, Thorismund, folgt unmittelbar hinter der Leiche, dernächste Entschluß, den er faßt, ist der zur Rache (Kap. 41).

Ausführlicher ist die Darstellung von Attilas Totenfeier 1 ) (Kap. 49).Jordanes erzählt nach dem Bericht des griechischen GeschichtschreibersPriscus, der als oströmischer Gesandter am Hofe des Hunnenkönigs inUngarn weilte: Die Leiche wird mitten auf dem Felde in einem Zelte auf-bewahrt. Auserlesene hunnische Reiter umziehen den Platz im Reitspielund singen den Leichengesang (lamenta). Es ist ein Preis auf die Machtund die Großtaten des Gestorbenen, woran sich die Erwähnung der Artseines Todes und die Aufforderung zur Rache schließt. 2 ) Nach dem Klage-lied folgt an dem Grabhügel ein unermeßliches Trinkgelage, mit welchemdie strava*) gefeiert wird, so daß Leichentrauer und Freude gemischt sind.In der Nacht wird der dreifache Sarg, die Leiche, umgeben von Waffen,Kleinodien und Ehrenzeichen, in den Hügel versenkt. Obgleich Begräbnisdes Hunnenkönigs ist doch das Zeremoniell gotisch, denn dieses herrschteam Hofe Attilas.

Ähnlichkeit mit dieser Bestattung hat die des Gautenkönigs Beowulfim ags. Beowulfliede 31373183. 4 ) Es ist eine Leichenverbrennung mitdarauffolgender Beisetzung der körperlichen Reste. Der Scheiterhaufen wird

') Kluge, Beitr. 37,157159.

2 ) Der Wortlaut des Totenpreisgesangesbei Jordanes ist: Praecipuus Hunnorum rexAttila, patre genitus Mundzuco, fortissi-marum gentium dominus, quiinaudita antesepotentia solus Scythica et Germanica regnapossedit nee non utraque Romani urbis im-peria captis civitatibus terruit et, ne praedaereliqua subderentur, placatus praeeibus an-nuum vectigal aeeepit: cumque haec omniaproventu felicitatis egerit, non vulnere ho-stium, nonfraude suorum sed gente incolumeinter gaudia laetus sine sensu doloris oecu-buit. Quis ergo hunc exitum putet, quem nullusaestimat vindicandum?

3 ) Postquam talibus Lamentis estdefletus,s tray a m super tumulum eins quam appellan tipsi ingenti comessatione concelebrant. EineErklärung des Wortes gibt der Scholiast zuStatius' Thebais (Lactantius Placidus) bei 12,62 ff.: exuviis hostium exstruebatur regibusmortuis pyra, quem ritum sepulturae hodiequoquebarbariservaredieuntur, quem stra-bas dicuntlingua sua. Danach ist unter stravaeine aus den Rüstungen der Feinde aufge-schichtete Leichenbühne, ein Scheiterhaufen,

zu verstehen, auf dem der Tote verbranntwird. Bei Jordanes ist zugleich die Festlich-keit darunter begriffen, die aus einem un-ermeßlichen Trinkgelage besteht, dem Toten-gelage. Ob stravam bezw. strabas wirklichein deutsches Wort ist, das ist nicht ganzsicher, denn es ist nicht genau zu erkennen,was der Scholiast (des 6. Jahrh.?) unter barbariund was Jordanes (bezw. Priscus) unter ipsiversteht. Etymologisch kann es mit der ger-manischen Wuizel straw- in got. straujan,ahd. strewen, nhd. streuen zusammengebrachtwerden, vgl. J. Grimm, Kl. Sehr. 3,135 undDRA. S. 676; MOllenhoff, De antiq. poesichor. S. 27 Anm. 4, DAK. 4,381384; Kögel,Grundr. 2 S. 42 und Anm.; Du Cange-Favreunter Strava, 7, 611a; Miklosich, Etymolog.Wörterb.derslavischenSprachen325 a ;MoMM-sen, Jordanes (Mon. Germ. Auct. antiq. Bd. V,1) S. XLV und Register S. 198. Zu LactantiusPlacidus u. dem Thebais-Kommentar s. Hand-buch d. klassischen Altertums-Wissensch.VIII 2 ,2.Teil, 2.HälfteS. 161163; Manitius, Gesch.d. lat. Lit. d. MA. 1,635.

") Kauffmann, D. Altertumskunde S. 138 f.