Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
35
Einzelbild herunterladen
 

B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. 3. Sang. § 11.

35

gartsanc (s. gartleoth) chorisches Lied, Chorgesang: choms gartsancGl. 1, 433, 22, cartsanc 1, 444, 17; choro kartsange 2, 235, 1; choris kart-sangun 1, 274, 61. Ahd. gart (Graff 4, 250), ags. %eard (Bosworth-TollerS. 367) ist der umgürtete, eingefriedigte Raum l ): ducendos choros za leittannecarta Gl. 1, 389, 9; chori angelomm engilo garta 2, 279, 56; [in] choro(ludentium) ingarte 1, 631, 5759.

brätesäng choreas ad thalamos, nuptialia carmina Notkers Marc. Cap.(Piper 1, 690, 1720), s. brätliet, brütleich; ags. brydsani (ymeneus vel epi-thalamium brydsanz Wright-Wülcker Voc. 1,129,24, s. auch 391, 29. 475, 4).

scephsanch, scefsanc (Graff 6,253) s. scipleod; charasang (NotkersBoethius 1, 1, Piper 1, 7, 6) und klagesang (Gl. 4, 81,18), s. sisesang.

Erst im Mittelhochdeutschen kommt vor wicgesanc Erec 9660, ent-sprechend dem mhd. wlcliet.

In der Mehrzahl beziehen sich die althochdeutschen Substantivverbin-dungen mit sang auf kirchliche Lieder und bezeichnen religiöse Gesänge(Graff 6, 251254). Sie gehören jenem neuen Sprachschatz an, der mitder Aufnahme der christlichen Kultur in den Klöstern geschaffen wurdeund wobei besonders Notker Teutonicus durch seine sprachbildende Krafthervorragt. So wird psalmus wiedergegeben durch höhsang,*) einmal auch,von Notker, durch scalsanch, psallere, jubilare durch höhsangön. Näher andas lateinische psalmus, psalterium schließt sich an psalmosang, salmsang(ags. sealmsan;), verb. salmosangön, und saltirsang. Hymnus ist lob(e)sang(ags. lofsawi), auch choreae im Sinn von epithalamia ist löbesäng (Marc. Cap.1, 1, Piper 1, 690,19 f.); jubilare uunnesangön (Jvbilate Deo VuünnesängontGote, Notkers Ps. 65,1) und jubilare hügesangon wird vom Singen der Psal-men gebraucht, desgleichen ist frösang = psalmus, canticum, psalmi canti-cum. Ferner melodia sözsanc Gl. 4,78,16, superum carmen himelsäng (NotkersMarc. Cap. 1, 10, Piper 1,705,1215), liebsängön (Notkers Gradualpsalmen,Piper 2, 544,23); auf Spiel der Instrumente geht orginsang, swegelsang,seitsang. Der kirchliche Ausdruck für gartsanc ist chörsang (Gl. 2,387,65.696,43). Dem uhtisang Frühsang (ags. ähtsan;) gegenüber steht der nahtsang(ags. nihtsan;). Scantsang {in allen scantsangen Bamberger Glaube undBeichte, MSD. Nr. 91,193) ist eine Zusammenfassung von weltlichen Liedern,die von der Kirche verpönt sind. Bei zilsanc ar[changiJlo s ) chorus archan-gelorum in den Murbacher Hymnen 7 Str. 5,3 ist an den Chor der Geistlichen

*) Die Bedeutung 'eingefriedigter Raum' iist in got. gards Haus, Hof, Familie, an. gardrGehege, Haus, Gehöft, ags. seard Haus, Hof,Heim, ferner ahd. garto Garten erhalten. DieBeziehung zu chorus Gesellschaft von Singen-den oder Tanzenden liegt vor in Haimgart,Heimgarten: Gesellschaft, Zusammenkunftvon Nachbarn und Freunden des eigenenHauses, im Sommer auf Bänken vor demselbenoder auf Öffentlichem Platz ...; Abendgesell-

schaft junger Leute ... zu Spiel und Tanz; Ortder Zusammenkunft, Platz . . . unter Bäumen,Belustigungsplatz, Schweiz. Idiotikon 2,434f.;Schmeller-Frommann 1,938 f.

2 ) Die Belege für die folgenden Wörter s.bei Graff 6,251254 und bei Piper a. a. O.;zu hohsang s. bes. Notk. Ps. 146, Piper 2,597,11.

) Müllenhoff, De antiq. poesi chor.S. 6; Kögel, Grundr. 2 S.37.

3*