34 I- Die vorliterarische Zeit.
sealtian, dazu sealtic;e Tänzerin. Das deutsche Wort für den römisch-roma-nischen Springer, Gaukler, Akrobat ist tümäri = histrio, scurro, salius (Graff5, 424), zu tümon rotari, sich im Kreise drehen (wozu nhd. taumeln). DerDichter des Heliand bezeichnet den Tanz der Herodiastochter (2764) mitspilon, sich rasch hin und her bewegen (s. oben S. 29). Das älteste Beispieleines höfischen Tanzes zu zweien unter Musikbegleitung gibt der Ruodlieb,in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts (Seiler IX, 25—61). Das Weiteres. Bd. II dieser Literaturgeschichte.
Der Unterschied zwischen Lied und Leich kann also dahin zusammen-gefaßt werden: Lied ist der weitere Begriff, es wird gesungen, mit oder ohneInstrumentalbegleitung. Leich ist ursprünglich Tanz, umfaßt also die chorischePoesie; und außerdem ist er ein Musikspiel, ein Tonstück ohne Text oder beidem wenigstens der Text Nebensache ist. Notker steht mit seiner Teilungvon Lied und Leich schon auf dem durch die Erfindung der lateinischenSequenzen geschaffenen Standpunkt, der in der mhd. Lyrik gilt.
§11. 3. Sang.
Wackernagel l 2 S. 84; Kögel, Grundr. 2 S.37; Piper, Spielmannsdichtung 1,43—45.
Insofern Lied und Leich gesungen werden, können sie, also in speziellerHinsicht auf den Vortrag durch die menschliche Stimme, sang genanntwerden. Got. saggws m. ist = griech. codi), avfxcpcovia-.jahgahausida saggwinsjah laikins ijxovoev ovuqicovlag y.ai %oqö>v Luc. 15, 25; hier also ist saggwsund laiks als Gesang und Tanz unterschieden. Das Verbum siggwan be-deutet adeiv singen und ävayiyvcbaxsiv vorlesen, assinggwan = uvayiyvchaxeiv,
s. unten S. 70. Sang mit seiner Sippe ist in allen germanischen Sprachendas hauptsächliche Wort für den melodischen Vortrag: an. spngr, verb.syngva; ags. san; sonz, m., mit vielen Zusammensetzungen (Bosworth-TollerS. 816), verb. singan; ahd. daz sang, sangäri Sänger, verb. singan (Graff 6,247bis 254), mhd. sanc, gesanc m. n., senger, singer. Die zahlreichen althoch-deutschen Glossen deuten alle auf jenen Zweck hin, indem sie cantus, can-ticum, cantilena, musica, modulatio, melodia, sinphonia, psalmus, hymnus,jubilatio wiedergeben, wie singan canere, cantare usw. (auch mit Übertragungauf den Klang von Instrumenten), sangäri m. cantor, psalmista, psaltes, san-gära sangärin singa f. cantrix, camena. 1 )
Einzelne mit sang zusammengesetzte Gattungen im Althochdeutschensind: scopfsanc, vgl. scofleod, die Dichtung eines germanischen Volkssängers,die zum Gesangsvortrag bestimmt war: poesis scopfsanc . i. poema daz meterGl. 2,469,63 (Prudentius, 10./11. Jahrh.); tragoedia [vel comedia] scophsanch2,599,46(10. —12. Jahrh.); tragoedia scophsanges 2,455,37 (PrudentiusPeristeph., Passio S. Romani Martyris, der Tod des Märtyrers v. 1111—1115;dieselben Hss. wie oben, 10./11. Jahrh.); vgl. dazu auch tragoediarum bocli-hero sango Gl. 2,74,17, als wörtliche Übersetzung 'Bocksgesänge' (zu tragoedias. unten S. 60); cotiirno scopfsänge 2, 754,1.
') Schönbach, Wiener SB. 142 (1900) Nr. VII, 66.