26 I. Die vorliterarische Zeit.
ist der Ruf der Schiffer oder ihrer Vorgesetzten beim taktmäßigen Einschlagender Ruder. 1 ) Die Stelle bei Hieronymus ist bildlich: den Epilog der Redevergleicht er mit einem Freudengesang der Schiffer: laetantium more nautammepilogl celeuma cantandum est. Also nicht nur der zum Rhythmus desRuderschlags ausgelöste Taktruf ist darunter zu verstehen, sondern auch einzusammenhängender Satz oder ein vollständiges Lied. Im Mittelalter wurdenkurze Formeln oder Lieder religiösen Inhalts beim Abstoßen vom Land, aufder Fahrt oder bei der Ankunft an der andern Küste gesungen, vgl. Du Cange-Favre 2, 249b un d die Erläuterung in den lateinischen Worterklärungen desPariser Glossars Pb (9. Jh., vgl. Ahd. Gl. Nr. 506, Bd. 4, 593—595): celeumaCarmen quod navigantes cantare solent sive quod supra mortuos vel adlacum cantatur (Holtzmann, Germ. 8, 395); dazu auch die kurze Schilderungder Seefahrt in dem aus dem Deutschen übertragenen Lobgesang Ratpertsvon St. Gallen: Tria tranant maria, cofeumant 'Christo gloria' (MSD. Nr. 12Str. 2, 2, s. unten, lat. Dichtg.), 2 ) und so ist celeuma Gl. 2, 347, 30 allgemeinmit sang übersetzt. In spätmittelhochdeutschen und -niederländischen Glossarenwird celeuma erklärt als clamor nauticus vel messorum, ein Schiffers o.meyers (Mähers) Hede o. gesang, een schippers of maijers leis, schefsanc usw.(Diefenbach, Glossarium S. 110c) und zangh der schep lüde vel sangh derwyn treder (Novum Glossarium S. 83a), also mit Übertragung auf andereArbeitsgesänge, auf die der Schnitter und Weintreter.
Dasselbe wie scipleod (= ags. swleoct) ist scefsanc = celeuma, Gl. 1,631,27—31. 2,325,54. 4,213,28, schifsang 4,246,16, celeumantes schif sangondi4,246,15; 3 ) 1,631,27—31 ist Glosse zu Jeremias 25,30, wo celeuma vonWeintretern gesagt wird {celeuma quasi calcantium concinetur). 4 -)
Ein mhd. Taktruf der Schiffer ist wohl der Refrain des Liedes MSF.39,2.9.16 so höh öwi. 5 ) Andere liedmäßige Ausrufe s. bei Bücher, Arbeit undRhythmus S. 38. 211. 220 u. ö.; Uhl, Winiliod S. 342.
Im Mittelhochdeutschen begegnet eine Reihe von Liedgattungen, fürdie nach dem Vorhergehenden großenteils ein älterer Ursprung anzunehmen ist:
Wicliet, Schlachtgesang, das Kampflied vor oder nach der Schlacht:uz, there burh sie thrungen, ire wicliet sie sungen Rolandslied (Bartsch) 841;siven tüsent hörn thä vore clungen, ire wihliet sie sungen; thä wart alsogetan scal, sam perge unde tal allei. in wage wäre ebda 3819. ingegendem kunige si drungen, ir wicliet si sungen Kaiserchron. (Edw. Schröder)7117 f.; unz die laiden geste ze den turn in drungen, ir wicliet si sungen
') Bücher, Arbeit und Rhythmus 4 s.Re- j deutsche Geschichtskunde 6, 190 f.gister unter Schiffsarbeit, Schiffziehen, Boot- 3 ) P. Katara, Die Glossen des Codex Se-
zimmern, bes. aber S. 220 ff. Reiche Literaturüber das Arbeitslied bei Uhl, Winiliod an ver-schiedenen Stellen.
2 ) Ein antik lateinisches Ruderlied istherausgegeben von Dümmler, Z. f. d. A. 17,144 f., eine Nachahmung desselben in christ-lichem Sinne im Neuen Archiv für ältere
minariiTrevirensisR. III. 13, Helsingfors 1912,S. 192,29.30.
4 ) FORCELLINI, Totius latinitatis lexicon,Ed. sec. 1858, II, 132.
5 ) Schönbach, Beitr. zur Erklärung alt-deutscher Dichtwerke, Wiener SB. 141 (1899),38 f.