B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. 1. Lied. § 8. 23
Aus den bisherangeführten Quellen ergibt sich der Inhalt der epischenLieder. 1 ) Nach diesem zerfallen sie in mythologische Lieder, die von Götternund göttlichen Wesen gesungen werden (Götterlieder), und historische,wo es sich um geschichtliche Personen und Ereignisse handelt, wozu auch diesagenhafte Urgeschichte mit den Heroen der Vorzeit und dem Ursprung derKönigsgeschlechter gehört (historische und Heldenlieder). Streng getrenntsind Götterlieder und historische Lieder nicht, im Sinne der Germanen gehörtendie Götter selbst zur Volksgeschichte. Adelsdichtung ist diese Epik, in den Tatenund Erlebnissen der Führer spielt sich die Geschichte ab. Ihre Tugenden werdengepriesen, der Kriegsruhm, die fürstliche Milde, die Treue der Gefolgsdegen.
Ein sozialer Unterschied hat aber doch gewiß auch in der epischenDichtung bestanden. Neben jenem aristokratischen Kunstlied, das in derHalle vor den Helden vom Berufssänger (Skop, s. unten § 18) vorgetragenwurde, ging ein Volks- oder Massenlied epischen Inhalts, das die Menge beifestlichen Gelegenheiten, bei Opfern, beim Kriegszug, beim Tanze, beimTrinken im Chor sang. Denn der Inhalt der Tanzlieder war episch und auchhier wurden die Taten der Helden besungen (s. Bd. II dieser Literaturgeschichte).
§ 8. Winileod.
Müllenhoff, Z. f. d. A. 9,128—130; MSD. II 3 , 1541; Kelle, LG. 1, 78 f. 332; KÖGEL,LG. 1,61 f., Grundr. 2 S. 70; Kelle, Chori saecularium Cantica puellarum, Wiener SB. 161 (1908),2. Abhandlung; derselbe, Die Bestimmungen in Kanon 19 desLegationis edictum vom Jahre 789,ebda, 9. Abhandlung; Jostes, Z. f. d. A. 49,306—314; Meissner, ebda 53,78—81; van Helten,Z. f. d. Wortforschung 10,200 ff.; Th. v. Grienberger, Beitr. 36, 515—524; Wilh. Uhl, Winiliod,Teutonia Heft 5, Leipzig 1908 und zweiter Teil Leipzig 1913. — Wilmanns, Leben WalthersS. 16 ff.; K. Burdach, Z. f. d. A. 27,343—367; R. M. Meyer, Z. f. d. A. 29,121—236; Arn. Berger,Z. f. d. Phil. 19,440—486; E. Th. Walther, Germ. 34,1—74.141—156; Osk. Streicher, Z. f.d. Phil. 24,166—201; Schönbach, Die Anfänge des deutschen Minnesangs, Graz 1898. —Siehe Bd. II Minnesang.
Das Wort begegnet zwölf mal in den ahd. Glossen zu den Canones derConcilien und zwar als Übersetzung von 'plebeos psalmos' im Can. 59 desKonzils von Laodicea (a. 363). Aber alle diese Glossen gehen auf ein unddieselbe deutsche Originalübersetzung zurück, stellen also nur eine einmaligeÜberlieferung dar, die von den späteren Glossatoren verändert und erweitertwurde: Plebeios psalmos*) .1. vuiniliot Gl. 2,140,42, Psalmos uulgaressqculares ide ualniliod 2, 92, 55; Plebeios psalmos. seculares cantllenas.
a ) Den Stoffkreis, den ein epischer Sängerbeherrscht, beschreibt das ags. Gedicht Widsiil,Grein-WOlcker, Bibl. 1,1—6.
8 ) In den Canones sind unter plebeios psal-mos von einzelnen unkundigen Menschen ver-faßte Lobgesänge verstanden, die in der Kirchegesungen wurden, wie Kelle a. a. O. nachge-wiesen hat (s. bes. Wiener SB. 161, IX, 7). Darausschließt er, daß auch die deutschen WinileodHymnen gewesen seien. Aber für das achteJahrhundert sind noch keine geistlichen, zum
der Canones Geltung hat, fällt also weg und esbleibt in plebeios (vulgares, seculares, rusticos)nur der wirkliche Begriff von 'weltlich'. Es isteine Übersetzung ad verbum, eine Art, die ja inderÜbersetzungstechnikderGlossatorenganzüblich war. Aber selbst wenn man volkstüm-liche deutsche Kirchengesänge schon für dasachte Jahrhundert gelten läßt, so braucht wini-leod nicht auf 'kirchliche' psalmos plebeiosbeschränkt gewesen zu sein; und war es auchnicht, wie die Glosse zu Ven. Fort, und die
Kirchengesang verfaßten Lieder in deutscher mhd. Belege zeigen. — Verbot der CarminaSprache nachzuweisen. Der Nebenbegriff \ (cantica) turpia et luxuriosa oder obscoena'kirchlich', der nur in diesem Zusammenhang ! durch die Kirche s. unten S. 39 ff.