22 L D>e vorliterarische Zeit.
(s. oben S. 15) und in den Mädchenliedern bei Sidonius Apollinaris (s. untenS.31).
In memoirenhaftem, persönlich erzählendem Stil ist die Geschichte desaltern Merovingerreichs dargestellt von Gregor von Tours (540—594) inseinen Zehn Büchern fränkischer Geschichte (Historia Francorum), denen dieebenfalls von Sagen durchwobenen Chroniken des sog. Fredegar und dieder Frankenkönige (Gesta regum Francorum, jetzt Über historiae genannt,um 725) folgen. 1 ) Auch diesen fränkischen Erzählungen lagen jedenfalls oftepische Lieder zugrunde. Ein ursprünglich altfranzösisches, merovingischesLied ist uns noch bruchstückweise erhalten in lateinischer Übersetzung, dasvom Volke und von Frauen beim Tanze gesungen wurde, das Chlotarlied, 2 )früher Farolied genannt, weil es in der Vita des a. 672 gestorbenen BischofsFaro von Meaux enthalten ist. Es handelt von dem Siege des FrankenkönigsChlotar II. über die Sachsen im Jahr 622, der auch in der Chronik derFrankenkönige sagenhaft ausgeschmückt ist. 3 )
Die ältere Merövingersage lebt noch in der Person des Hugdietrichim mittelhochdeutschen Volksepos fort (s. Bd. II). 4 )
Die Sachsen hatten ihren Geschichtschreiber in "Widukind, dem Mönchvon Corvey (Res gestae Saxonicae, a. 967). Sein Stil ist episch. Die Ur-geschichte der Sachsen entfaltet er mit offenkundiger Verehrung für seinVolk (Buch 1,1) auf Grund der sagenhaften Überlieferungen, die er selbst alsQuellen angibt (Buch 1,2. 1,11—13). —Widukind erzähltauch den Untergangdes Thüringerreiches, über den außerdem noch andere Berichte vorhandensind. 5 ) Epische Gesänge sind hier ebenfalls vorauszusetzen, noch im Nibe-lungenlied sind Irminfrid, der letzte Thüringerkönig, und sein Ratgeber Iring,losgelöst von der alten Sage, gefeierte Helden (die Milchstraße 'Iringsstraße,Iringsweg' genannt: Widukind 1,13, und sonst). 6 )
Mehr als die Darstellung der Geschichtschreiber hat uns die Dichtungselbst von der Heldensage bewahrt. In Liedern der altnordischen, angel-sächsischen und althochdeutschen Literatur haben wir noch Kunde vonden gefeierten Helden des heroischen Zeitalters der Germanen, der Völker-wanderungszeit, und die gotische, fränkische, burgundische, langobardische,friesische Sage bildet den Inhalt des nationalen Epos der mittelhochdeutschenLiteratur.
] ) Die Sagen der beiden Chroniken sind j düng sich in einer gefährlichen Lage be-ausgezogen und übersetzt im Anhang von ' finden (Str. 151,2), gewidmet ist, und ge-Wilhelm v. Giesebrechts Übertragung „Zehn I rade im Chlotarlied spielen die Boten eine
Bücher Fränkischer Geschichte vom BischofGregorius von Tours", Geschichtschreiber derdeutschen Vorzeit Bd. 5.
2 ) Gröber in Gröbers Grundr. 2,1, 446;Voretzsch, Einführung 2 S.92—95; derselbe
Rolle.
3 ) W. v. Giesebrecht a. a. O. 2,300—302.
4 ) Liedersammlung Karls des Großen s.unten S. 82.
5 ) Kögel, LG. 1,124—129; Voretzsch,
MerowingereposS.95—103. —Dieser Sachsen- Merovingerepos S. 92—95.
krieg bildet eine, sehr verblaßte, Episode im | 6 ) J. Grimm, Mythol. S. 297—300. 961.
Nibelungenlied Str. 138—256, wo eine Reihe I Nachtr. S. 107.
von Strophen den Boten, die bei ihrer Sen- |