20 I- Die vorliterarische Zeit.
Dies erzählt Cassiodor, der Minister des großen Ostgotenkönigs Theodorich(Variar.8,9).i)
Ruhmeslieder waren alle diese Heldengesänge. Wenn ein solches aus-gesprochen zur Huldigung eines lebenden Fürsten verfaßt ist, so wird eszum Preislied oder Loblied, eyxcbfxiov (vgl. oben die leudi auf Lupus vonder Champagne). Dieses setzt eine untertänigere Gesinnung voraus, als sieden Germanen ursprünglich eigen war, das germanische Stammeskönigtumhat sich in der Völkerwanderungszeit nach dem Vorbild des spätem römischenund des byzantinischen Kaisertums mit höfischem Zeremoniell und höhererWürde umgeben. Eine ausführliche Darstellung des Vortrags eines solchenenkomiastischen Liedes gibt Priscus, der als oströmischer Gesandter amHofe Attilas weilte (a. 446): Am Abend eines Festmahls traten zwei Barbarenauf und sangen Lieder, die sie verfaßt hatten, in denen sie seine Siege undkriegerischen Tugenden priesen, so daß sie die Zuhörer zu Tränen rührten 2 )(Priscus, Histor. Goth. ed. Bonn. 205,11); die Stelle darf als Zeugnis fürgotische Sitte angezogen werden, da die Hunnen unter dem Kultureinflußder Goten standen.
Preislieder auf Fürsten zu singen war sicherlich auch die Aufgabe jenesHarfenspielers, den Theodorich der Große dem Frankenkönig Chlodowechauf seine Bitten sandte: Cum rex Francorum convivii nostri fama pellectusa nobis citharoedum magnis precibus expetisset und Citharoedum arte suadoctum destinavlmus expetitutn, qui ore manibusque consona voce cantandogloriam vestrae potestatis oblectet, Cassiodori Variae 2, 40 f. 3 ) — Preisliederdes angelsächsischen fahrenden Sängers Widsict auf seine Gebieterin erwähntdas ags. Gedicht gleichen Namens (Des Sängers Weitfahrt), Grein-Wülcker,Bibl. I, 5 v. 99—102 (s. unten S. 67). Eine Ruhmestat Beowulfs besingt indessen Anwesenheit ein poesiekundiger Held des Königs Hrodgar, Beowulfv. 868 ff. Den Fürsten zu preisen gehörte zum Beruf des Hofdichters.
Auf germanische epische Lieder an dem Hofe des westgotischenKönigs Theodorichs II. (453—466) deutet möglicherweise eine Stelle in denEpisteln des Sidonius Apollinaris (Ep. 1,2, Mon. Germ. Hist. antiq. 8 S. 4): Saneintromittuntur, quamquam raro, inter cenandum mimicl sales, ita ut nullusconvlva mordacis linguae feile ferlatur... nullus ibi lyristes (Harfenspieler),choraules (Flötenbläser), mesochorus (Chorführer), tympanlstria (Pauken-schlägerin), psaltria (Zitherspielerin), canit, rege solum Ulis fidibus delenito,quibus non minus mulcet virtus animum quam cantus auditum. Ähnlichesberichtet Sidonius Apollinaris von den Burgunden (Carm. 12, a.a. O. S.230f.).Heldenlieder auf die Vorfahren als Kriegsgesänge bezeugt für die WestgotenAmmianus Marcellinus 31,7,11.
Preislieder auf den burgundischen König Guntram werden erwähnt inder fränkischen Chronik des sog. Fredegar 4,1 (ca. a. 660): Tante prosperitatis
1 ) Müllenhoff, Z. f. d. A. 12, 254. I sehen Vergangenheit 1,168.
2 ) Gust. Freytag, Bilder aus der deut- | 3 ) Kauffmann, Z. f. d. Phil. 34,5G0 f.