B. Die Dichtung der vorliterarischen Zeit. 1. Lied. §7. 19
Kriegsgott des betreffenden Stammes, denn dieser steht in der Schlacht unmittel-bar den Seinen zur Seite; und dann das Kriegsgeschrei, derBarditus, 1 ) derzufolge der eingehenden Schilderungen des Ammianus Marcellinus 16,12,43(Schlacht bei Straßburg, a. 357) und 31, 7,11 (Schlacht bei Adrianopel, a. 378),ferner 22,7.17. 31,12 ff., sowie des Vegetius (De re mil. 3, 18) ein von leisemSummen bis zum Brausen der Meeresbrandung anschwellender, schauerlicherRuf war. Einen Schlachtgesang erwähnt Tacitus außerdem noch Hist. 2, 22:adversus . . . cohortes Gertnanorum cantu truci et more patrio nudis cor-poribus saper humeros scuta quatientium; 4, 18: ut viromm cantu, femi-narum ululatu sonuit acies; Annal. 4,47: Sugambrae cohortis, quam Ro-manus promptam ad pericula nee minus cantuum et armorum tumultuhaud proeul instmxerat. Auch nach Beendigung der Schlacht wurden Liedergesungen: Nox apud barbaros cantu aut clamore, nostris per iram etminas acta, Hist. 5,15; der Kampf hatte in diesem Falle für die Germaneneinen glücklichen Ausgang, ihre Lieder waren also Freuden- und Sieges-gesänge. Ähnlich ist wohl auch die Nachricht Annal. 1, 65 aufzufassen: Noxper diversa inquies, quum barbari festis epulis, laeto cantu aut truci sonoresubjeeta valtium ac resultantes saltus complerent: der vorhergehende Tagwar für die Germanen günstig gewesen; mit festlichem Schmaus und lustigemGesang durchbringen sie die Nacht. Ob diese Gesänge und Gelage nachder Schlacht eine rituelle Bedeutung hatten, als Danklieder und Opfermahle,ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln.
ÜberHeldenlieder der Goten berichtet ihr Geschichtschreib er Jordanes(De origine actibusque Getarum, a. 552): Cantu majorum facta modulationibuscitharisque canebant . . . Bei Gesang und Zitherspiel feierten die Ostgotendie Taten ihrer Vorfahren, des Eterpamara, Hanala, Fridigern, Vidigoia undanderer, die wie Heroen in großem Ansehen bei ihnen standen (5, 43). IhrSiegeszug ans schwarze Meer wurde in alten Liedern fast in historischerGlaubwürdigkeit im Gedächtnis aufbewahrt (quemadmodum et in prisciseorum carminibus pene storico ritu in commune recolitur, ebd. 4,28). Ein inder Vorzeit gegebener Beiname der Gemeinfreien, capillati, wird als epischesMotiv in den Gesängen weiter erhalten (quod nomen Gothi pro magnosuseipientes adhuc capillatos odie suis cantionibus reminiscent, ebd. 11,72). —Nicht nur kriegerisches Heldentum wird gefeiert, sondern auch jene ersteTugend der Germanen, die Treue, das unverbrüchliche Band zwischen Fürstund Mannen. Ein solcher Getreuer ist Gensimund, der vertraute Rat-geber des ostgotischen Königsgeschlechts, würdig, auf dem ganzen Erd-kreis besungen zu werden: sein Ruhm lebt weiter in der Erzählung undseine Verherrlichung wird dauern, solange der Name der Goten besteht.
x ) Uhlands Schriften 7, 505 f.; Müllen-hoff, De antiq. poesi chor. S. 14f. 19f., DAK.4,135 ff. 205; W. Brückner, Festschrift zur49. Versammlung deutscher Philologen undSchulmänner in Basel im Jahre 1907 S. 65—77,
dazu Edw. Schröder, Z. f. d. A. 50, Anz. 32,222; Hermann Fischer, Z. f. d. A. 50,145—148; Q. Neckel, ebda 51,110—112; Kelle,LG. 1.9. 290 f.
2*