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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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16
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16 I. Die vorliterarische Zeit.

iubllatione Vuöla singent imo liüdondo ... Vuanda daz ist keliüdbt. däz manfreuui mit niümon oüget äne uuort (denn das heißt geliudöt, daß man seineFreude mit bloßen Tönen [niumön] ohne Worte zeigt). Die Auffassung ist hierganz religiös-christlich, liudön bedeutet die jubilatio, den jabilus singen oderrufen, das ist der jubelnde Ausruf einer in Worten nicht auszusprechendenFreude, wenn die Seele sich zum Höchsten erhebt, wie besonders beim Alleluja-ruf. Ferner Uudeon armonia (Infinitiv?) Gl. 1,9,11 und die Substantivbildungenliudunga jubilatio Notk. Ps. 46,6, liudod melodiam Gl. 1,585,65, liudomceleuma Gl. 1, 636,43. Für den Sänger und Dichter sind in den ahd. Glossenfolgende Bezeichnungen vertreten: liudari (= got. Uupareis), liadonteo, leod-slakkeo {lefidslaho, leodslago) und scapheo (scaffo) bardus, carminum conditorGl. 1, 58. 59, 2729, leodslekko comicus Gl. 3, 425, 47. Leodslakkeo ist derLiedschläger, insofern die Harfe, von der das Lied begleitet ist, geschlagenwird, also der Sänger als mit der Harfe Vortragender {bardus), der Spielmann{comicus), = mhd. harpfenslaher Lexer 1,1187 (Harfenschläger usw. DWb.4,2,477), ags. hearpsleje, an. hqrpuslagi, hqrpuslagr, hqrpuslagari. scapheoist der Schöpfer, carminum conditor (= sanc scaffonti), Gl. 1, 58.59, 30 f.,also der Dichter. Dem 'Liedschöpfer' entspricht der leodwyrhta 'Liedwirker'im Ags. (s. Scop, unten § 18).

Das Begleitinstrument des epischen Liedes ist die Harfe: an. harpa f.,Nomen actoris harpari m. Harfner; ags. hearpe f. cithara, hearpere m. citha-redus, citharista, hearpestre f. citharista, verb. hearpian, Bosworth-Toller 523;ahd. harfa cithera, chelys, psalterium, symphonia, harfere cytharedus, fidicenGraff 4,1031. Der volkstümlichen Harfe ähnlich sind die kirchlichen, fremd-sprachlichen Lira Graff 2,244, rotta Graff 2,487 f. (nur bei Otfrid und Notker,und in Heinrici Summarium cythera harpfa, lira rodda Gl. 3, 215, 16 f.);cythareda roddari Gl. 3,140,16; vgl. cithara, quam nos appellamusrottaB, Wackernagel l 2 , 50 Anm. 14. Harfenspieler wird endlich auch nochdurch seitspilari wiedergegeben, fidicen seitspilari Gl. 3,140,13. 1 )

'Das Lied' im Singular bedeutet ahd. und mhd. zunächst nur dieeinzelne Strophe, die Mehrzahl, ahd. diu liod, mhd. diu liet, macht erstdas Lied, das aus mehreren Strophen besteht. Ursprünglich war das Liednur einstrophig. Für das älteste germanische Lied im engern Sinn sind über-haupt nur kürzere, nicht in Strophen gegliederte Gesätze anzunehmen. Sobilden im altern Minnesang die Strophen in sich ein abgeschlossenes Ganzeund auch noch später sind sie oft inhaltlich nur lose aneinandergereiht, wienoch jetzt in Volksliedern. Lied und Strophe fielen also begrifflich zusammen.

Der Inhalt des Liedes war ursprünglich nicht rein lyrisch, nicht lediglichAusdruck bloßer Gemütsbewegungen, sondern episch-lyrisch, d. h. die Emp-findungen waren in die Erzählung eines Ereignisses gekleidet, in eine kleineSzene, ein Bild. So noch die Lieder der älteren Minnesänger. Doch ist der

J ) Wackernagel l 2 ,9. 50.98 f.; Kögel, Grundr. 2 S. 53 Anm. 1.