12 I. Die vorliterarische Zeit.
Edelhof); Diotrich (ahd. dlot Volk); Schutz und Frieden gewährend: Sigifrid,Siglmund (ahd. mund Schutz); Weisheit, Klugheit im Rat: Reginberaht i? reglnRat), Hugibald (ahd. hugi Geist, bald kühn). Auch das den Frauen bei-gelegte Ideal ist Heldenmut, weitaus die meisten Frauennamen sind vomKampf und Krieg genommen, sind Walkürennamen: Hlltlgund (hlltl- undgund, beide = Kampf); Hadwwic (hadu- und wie, beide = Kampf); Brünhlld(Brünne, Kampfgewand); Gertrud (ahd. ger Speer, trüt vertraut). Viel seltenersind andere Namensymbole: auf die Zauberkunst der Frauen deutet Albrüna,schon in Tacitus' Germania Kap. 8 (Alb- = Elbe, Elf, ahd. rüna das Geheimnis).Aber gerade die in späteren Zeiten als echt weibliche verehrten Eigenschaftender Schönheit und Zartheit, der Liebe und Hingebung fanden keinen Ausdruckbei diesem kriegerischen Geschlechte. Benennungen mit der Bedeutung liebund traut, später häufig, waren in der Frühzeit nicht vorhanden oder siehatten nicht den sanften Empfindungsgehalt. Die älteste Namengebung istkraftvoll, episch, es fehlt das Liebliche, Lyrische.
§ 5. Dichtungsgattungen. Ihren unmittelbaren Ausdruck findet die Phan-tasie in der Kunst. Bei den Germanen der Frühzeit hatte die Dichtungihre feste Stelle in der Sitte, bildete also einen notwendigen Bestandteil desVolkslebens. Bei Volksfesten, die wohl meist zugleich kultischen Charaktertrugen, wie etwa bei Frühlings-, Sonnwend- und Herbstfeiern, wurden Lieder,wohl zum Tanze, gesungen. Vielleicht waren auch mit den Opfergebräuchenoder gottesdienstlichen Umzügen Gesänge verbunden, sicher erklang dasLied beim Gelage, unter Schlachtgesängen stürmten die Krieger in denKampf, bei zu heilenden oder zu bannenden Schäden wurden von FrauenZauberlieder geraunt und dem vom Leben Geschiedenen erschallte an derLeichenbahre die Totenklage. So- ist eine Reihe von Dichtgattungen für dievorliterarische Zeit zu erweisen: Tanzlieder, vielleicht religiöseGesänge,epische Lieder von den Taten der Könige und Helden, Zauberlieder,Totenklagen. Eine Auffassungsweise herrschte in allen, die epische. ImSinnfälligen ist noch die Poesie beschränkt, auch im Tanzlied wird einEreignis erzählt. Nur das Stoffliche kann ausgesprochen werden, für dasrein Geistige, die Empfindung, fehlen die Worte, vielleicht auch die innereSpannung. Es fehlt also das lyrische Element.
Neben den Dichtungen gingen Erzählungen in ungebundener Rede,Sagen, Märchen, die keinem andern Zweck dienten als zur Zeitkürzung,eingegeben von der Lust am Fabulieren.
Im Epos war der germanische Geist am treusten und umfassendstenwiedergegeben, die Männer und Frauen der Fürstenhöfe sind in lebensvolleTypen gefaßt. Unsre Quellen reichen nicht in die Periode der Völker-wanderung und in das Heroenzeitalter zurück. Der ags. Beowulf, die an.Heldenlieder der Edda, das ahd. Hildebrandslied, das mhd. Nibelungenliedsind auf anderm Kulturboden entstanden, jedoch sind die Hauptzüge desalten Heldentums noch erhalten und es läßt sich in allgemeinen Umrissen