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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
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13
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A. Einleitung. Allgemeine Voraussetzungen. § 5. 13

ein Bild zeichnen von den Grundbedingungen des vor der literarischen Zeitliegenden Epos.

Die treibende Kraft im Herzen des Helden ist das Verlangen nachRuhm und nach Herrschaft. Ein wirksames Motiv ist ferner die Rache, dieehemals als Blutrache Pflichtgebot war. Die soziale Grundlage, zugleich derethische Mittelpunkt, ist das Treuverhältnis des Gefolgschaftswesens (s. obenS. 5). Die triuwe, fides, ist also zu gleicher Zeit eine materielle und einesittliche Forderung. Sie ist die Kardinaltugend des Germanentums und istausgeprägt in ergreifenden Beispielen sich selbstverleugnender Aufopferung.Ihr gegenüber steht die Untreue als Hauptfrevel. Aber gerade die Treuekann die Ursache zu den schwersten Herzenskonflikten und darüber hinausdie Quelle für große Untaten werden.

Die Treue verpflichtet beide Teile, den Herrn und die Gefolgsmannen.Sie sind die Stützen seiner Macht, er hat dagegen die Aufgabe, sie zu schützenund ihnen die Existenzmittel zu gewähren. Darum ist die Freigebigkeit (dieMilde") die erste Pflicht des Fürsten gegen die Mannen. Er ist der Schatz-spender, darum ist ihm ein großer Besitz, ein Hort notwendig, und dieSchatzgier ist ein herber Zug im Charakter der Helden.

Tapferkeit ist die wichtigste Lebensäußerung des Mannes, sie bringtEhre und Ruhm, Herrschaft und Macht. Hochgeschätzt aber auch ist Klugheitim Rat, und der Fürst unterläßt es bei wichtigen Angelegenheiten nie, seineGetreuen um ihre Meinung zu befragen.

Eine besondere Heldengestalt ist der Recke, der aus dem Vaterlandverbannte Krieger. Im Elend muß er, fried- und rechtlos und ohne Schutzder Freunde, sein nacktes Leben fristen. Aus dem Freien ist ein Dienendergeworden, Ruhm und Ehre sind ihm versagt oder er muß sie durch schwereKämpfe sich wieder neu erringen, alle Lebenswerte des germanischen Helden-tums sind ihm geraubt. Aber dem Heimatlosen, der auf eigene Faust gestellteiner fremden Welt gegenübersteht, stählt sich der Mut zu bewundernswertenTaten. Darum ist der Recke ein besonders gefeierter Heldentypus.

Nicht nur Mann gegen Mann erprobt der Held seinen Mut, sondernauch in Abenteuern mit den Dämonen, mit Riesen und Drachen und Eiben.Indem er die schädigenden Unholde vertilgt, wird er zum Wohltäter desVolkes, der Bahnbrecher für höhere Gesittung. Als Ruhm gilt es, auch ihnenihre Schätze abzugewinnen, aber der Fluch der Dämonen lastet auf demHort und bringt dem Besitzer statt der Macht, die er erstrebt, den Untergang.

Konnte für das Charakterbild des Helden ein einheitlicher Typus auf-gestellt werden, dessen Hauptzüge Tapferkeit und Treue sind, so erkennenwir in der Darstellung der germanischen Frau deutlich zwei zeitlich ver-schiedene Stufen. 1 ) Das ältere Ideal der Frau ist das der Walküre, übertragenist auf sie die Vorstellung des Mannesideals. Sie ist geschmückt mit denTugenden des Helden, also mit denen des Krieges. Ausdruck verleihen dieser

*) Scherer, LG. 12 S. 10 f. und Anmerkungen S. 724 f.