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I. Die vorliterarische Zeit.
Wasserfluten, des verheerenden Feuers. Allen möglichen Gefahren, Übelnund Krankheiten ist er ausgesetzt. Das sind lauter Wirkungen böser Dämonen.
Im Seelen- und Naturglauben also bewegen sich die primitivenreligiösen Vorstellungen. Sie entstammen dem Gefühl der Abhängigkeitvon unheimlichen, den Menschen bedrohenden Mächten, die als Geisterund Gespenster ein nur schattenhaftes und nicht zu klarer Gestaltung ge-langtes Wesen führen. Durch geheimnisvolle Mittel konnte man sich gegensie schützen oder sie günstig stimmen; und die Zauberer, die im Besitzsolcher Künste waren, standen in hohem Ansehen.
Über diese verworrenen und unheimlichen Trugbilder erheben sichbestimmtere, von einer sicheren Gestaltungskraft geformte Individualitäten,Götter, die nach Menschenbild oder Menschenwesen gedacht sind, wennauch wohl oft ins Übermaß gesteigert oder ins Groteske verzogen. Nichtmehr allein in bloßer Furcht, sondern dabei in Ehrfurcht und Verehrungbesteht das Verhältnis des Menschen zu den Göttern. Ein regelrechter Dienstwird geschaffen, von Priestern ausgeübt, mit festlichen Jahreszeiten und,langhin noch blutigen, Opfern.
So steht neben dem Geisterglauben der Götterglaube. Beide lösensich nicht zeitlich ab, sondern gehen nebeneinander her als niedere undhöhere Stufen des Heidenglaubens. Die Geister haften zäh im Volke, durchdas Christentum sind die alten Götter in ihre Reihen herabgesetzt wordenund sie leben zusammen fort im Aberglauben. So gibt es innerhalb einund derselben Volksgemeinschaft eine doppelte Art von Religion, einenprimitiven Volksglauben an unmittelbar wahrnehmbare rohe Naturkräfte oderan gestaltlose Schemen, und eine höhere, künstlerisch ausgebildete Mythologiemit individualisierten, sagenumwobenen persönlichen Göttern.
Ein bestimmtes Göttersystem der Germanen ist nicht festzusetzen,schon deshalb nicht, weil zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenenStämmen verschiedene göttliche Wesen verehrt wurden. Zu den einfächstenVorstellungen göttlicher Verehrung gehören Himmel und Erde. Beide sindsegenspendend. Vom Himmel kommt das Licht und der befruchtende Regen,die Erde bringt die nährende Frucht hervor. Zu einer voll persönlichenGottheit ist die Erde bei den Völkern zwischen Nord- und Ostsee geworden,wo sie als Nerthus verehrt wurde. Ihr ist ein bestimmter Kult geweiht. Aufeinem mit Kühen bespannten Wagen wird sie durch das Land gezogen untervielen Festlichkeiten (Tacitus, Germ. Kap. 40). Erde und Himmel sind derUranfang der Dinge. Von der Erde stammen die Menschen ab. 1 )
] ) J. Grimm, Mythologie S. 207 ff., Nachtr.S.84ff.; Müllenhoff, DAK. 4, 468—474. —Das wichtigste Zeugnis für die Verehrung derErde ist der ags. Erdspruch bei Grein-Wülcker,Bibliothek der ags. Poesie 2,312—316, bes.die Formeln Zeile 49 und 67—69 (eine Ver-mählung zwischen Himmel und Erde istjedoch aus on sodes fcepme nicht mit Sicher-
heit zu erschließen, da fospm nicht nur konkret'Umarmung', sondern auch abstrakt 'Schutz'bedeutet). Vgl. außer den entsprechendenStellen der mytholog. Lehrbücher: AlbrechtDieterich, Mutter Erde S. 16f.; R.Much, Dergermanische Himmelsgott, Abhandlungen zurgerman. Philologie, Festgabe für R. Heinzel(1898) S. 229.