A. Einleitung. Allgemeine Voraussetzungen. § 2.
Leidenschaft bis zur Wildheit, die Ruhmbegierde zu maßloser Herrschsucht.Die Geschichte der Franken und Langobarden ist überfüllt mit Bluttatenderer, die die Macht an sich reißen wollen. Gewissen und Rechtsbegriffsind abgetötet, die Selbstsucht ist die uneingeschränkte Triebkraft zumHandeln. Den Feind vernichten durch Mord oder durch List gilt nicht alsVerbrechen, am wenigsten für die, die die Macht haben; selbst Verwandten-mord ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang, ist doch schon Arminius vonAngehörigen der Sippe umgebracht worden. Der Mord wird nicht alsschweres Verbrechen geachtet, sondern kann durch Wergeid gesühnt werden.'Das ist die Auffassung einer noch primitiven Sittlichkeit, wonach dem Feindgegenüber alles erlaubt ist. Aber das sind Entartungen, Folgen unver-mittelten Kulturübergangs. Der einfache, bildungslose Mensch, nicht geübt,sich im,Zaume zu halten, übertreibt, in eine überfeinerte Kultur versetzt, dieleicht erlernbaren Laster derselben. Und außerdem: die ganze Zeit, die römischeWelt, war verkommen, und voran ging der byzantinische Hof mit seiner an-gestaunten Pracht. Und doch ist damit noch nicht alles erklärt. Es lag in dergermanischen Natur selbst etwas Zwiespältiges. Schon Tacitus findet es füreinen merkwürdigen Widerspruch, daß hier der Widerwille gegen die Un-tätigkeit und die Liebe zum Nichtstun gepaart seien (Germ. Kap. 15). Tugendund Laster liegen bei ihnen nahe zusammen. Herrscht das Triebleben undungezügelter Eigenwille, dann ist die Grenze zur Untat leicht überschritten.Etwas Dämonisches liegt auch im Weibe der Völkerwanderungs- und Mero-vingerzeit. Wenn ein grauses Geschick sie lenkt, dann entsteht die grandioseVerbrecherin, die an kaltem Frevelmut den Mann weit übertrifft. So dieBrunhilde und die Fredegunde, oder Rosemunda, Alboins Gemahlin, vonder der Geschichtschreiber der Langobarden sagt, daß sie zu jeder Schlechtig-keit leicht zu haben war. 1 )
§ 2. Dichtung und Mythologie. Die ursprüngliche Denktätigkeit ist dasAnschauungsvermögen. Das Begriffliche existiert im Bild, das Gestaltlosein sinnlicher Erscheinungsform, das Unbelebte wird belebt vorgestellt. Dieschöpferische Kraft der Phantasie drängt zur Betätigung, sie erzeugt diePoesie. Hier liegt zugleich der Ursprung der Mythologie.
Im Menschen selbst wirkt etwas Geheimnisvolles, das aufhört mit demTod: es ist die Lebenskraft, die Seele. Wenn der Leib tot daliegt,entflieht sie ihm in Gestalt eines Vogels, einer Schlange, einer Maus, aucheines Räuchleins. Sie führt ihre Existenz weiter und verlangt Pflege undVerehrung von den Lebenden, sie zürnt und bringt Unheil, wenn jene nichtgewährt werden. Daraus entsteht der Ahnenkult, die ängstliche Sorge umdie Seelen der verstorbenen Familienglieder.
Die Kräfte der äußeren Natur beherrschen das Dasein des Menschen,die vernichtenden Gewalten des Sturmes und Unwetters, der überströmenden
*) Paulus Diaconus, Historia Langobardorum II, 29.