I. Die vorliterarische Zeit.
geschäfte verhandelt. Den Ausschlag gibt nicht das Wort des Königs oderdes Häuptlings, sondern jeder freie Mann hat das Recht zur Rede, ammeisten wird gehört auf die Alten und Erfahrenen. Darum ist Gewandtheitin der Sprache ein Weg zum Ansehen. Aber doch haben die adeligenGeschlechter von vornherein höhere Ehre als die Gemeinfreien.
Der Frau fällt mit den Knechten die Arbeit des Friedens zu, dieSorge um das Vieh und um die Bebauung des Ackers, die alljährlichwechselt. Aber auf dem Kriegszug ist sie die Genossin des Mannes, siefeuert den Ermattenden zu neuem Widerstand an, sie pflegt den Verwun-deten, sie stirbt den Heldentod mit dem vernichteten Heere. Verehrenswertsind die Frauen, es liegt etwas Heiliges in ihnen, sie sehen die Zukunftvoraus und durch geheimnisvolle Zauber wissen sie die Dämonen in ihrenWillen zu bannen.
Aber noch ist die Liebe nicht eine große, lebenbestimmende Machtund die Eheschließung ist ein Rechtsgeschäft. Noch ist die Seele nichtauf zarte Schwingungen gestimmt, herbe Kraft verlangt das harte Lebenund kaum erwacht ist der Sinn für den Schmuck des Daseins. Denn pri-mitiv sind noch die Bedürfnisse, einfach Wohnung, Kleidung und Nahrungund streng herrscht über allem die Sitte, eine unverletzliche, von denVätern ererbte Lebensnorm, die in bindendes Zeremoniell und symbolischeAusdrucksformen gekleidet ist. Der allgemeine Brauch bestimmt das Denkenund Handeln des einzelnen.
Und doch ist die Gesamtheit keine unterschiedslose Masse. Dennjenem Bedürfnis der Unterordnung unter die geheiligte Sitte steht gegen-über ein ungebändigter Freiheitsdrang, dem Willen der gebundenen Ge-meinschaft gegenüber der Einzelwille. Und so ist in diese harten Seelen vonNatur ein Konflikt gelegt, der in den folgenden Zeiten, da der Eigenwillesich ungehemmter entfalten konnte, große und grauenhafte Taten zeitigte.
Tacitus verteilt in seinem Bild von den Germanen Licht und Schattennicht gleichmäßig, auch interessiert ihn nur ein begünstigter Typus derRasse. Es ist der Krieger, der Held, und was er darstellt, ist ein Herren-leben, ein über die alltägliche Wirklichkeit hinausgehobenes Dasein, wiees Gegenstand der Dichtung werden konnte. Das Kleinleben existierte fürden Geschichtschreiber so wenig wie für den Dichter. Und so fehlt injenem Bilde die Arbeit des Friedens, es fehlt der Germane als Bauer.
Die Züge, die Tacitus an den Germanen hervorhebt, da sie noch wenigberührt von der südlichen Kultur in dürftig bebauten Landschaften unterrauhem Himmel saßen, treten gesteigert hervor, als sie berufen waren, dieHerrschaft über einen Teil der alten Welt anzutreten, in den Zeiten derWanderungen und der Germanenreiche vom Anfang des fünften bis inssiebente Jahrhundert. Jetzt, in den endlosen Kriegszügen und unter fabel-haften Erfolgen, konnte ihr Charakter sich völlig ausleben: die von un-gebändigter Lebenskraft getragene Herrennatur. Jetzt steigerte sich die