A. Einleitung. Allgemeine Voraussetzungen. § 1.
literarischen Denkmäler jeglicher Art. Aber von der neuen Zeit an, derRenaissance und dem Humanismus, tritt durch die Erweiterung des über-lieferten literarischen Stoffes eine notwendige Einschränkung ein, da diereine Wissenschaft, deren Ausgang und Ziel das begriffliche Denken ist,ausscheidet und die Literatur nur insoweit behandelt wird, als sie Gegen-stand der Ästhetik, also ein Ergebnis des Gefühlslebens ist.
Die geschriebene deutsche Literatur beginnt erst mit der Erstarkungder Karolingerdynastie, um die Mitte des achten Jahrhunderts. Den vor-literarischen Zustand können wir uns nur durch indirekte Zeugnissekonstruieren, d. h. durch die Berichte zeitgenössischer Historiker, oder durchSchlüsse, sei es aus späterer literarischer Überlieferung, sei es aus den all-gemeinen Bedingungen der Kultur und der geistigen Bildung jener Frühzeit.
Durch das Zusammentreffen mit den Römern treten die Germanen indie Geschichte ein. Jahrhunderte hindurch ging der Völkerkampf. DasWeltreich zertrümmerten sie, aber der Sieg wurde bezahlt durch den Unter-gang ihrer edelsten Stämme. Was lebensfähig war, blieb bestehen. DieGermanen gaben den entarteten Römern neue Lebenskraft und sie emp-fingen von ihnen einen neuen Geist. Die Römer, die Romanen sind dieLehrmeister der Deutschen geworden und fortan bis zur Neuzeit ist dieGeschichte deutschen Geisteslebens eine fortwährende Umbildung desheimischen Grundbestandes durch romanische Neuformung.
Vita omnis in venationibus atque in studiis rei militaris consistit,so bestimmt Caesar (Bellum Gallicum VI, 21) die Lebensaufgabe des ger-manischen Mannes, und dasselbe ist der Grundton in der Darstellung desTacitus. In seiner Germania steht das Kapitel vom Krieg (Kap. 14) vordem vom Frieden (Kap. 15). Der Krieg ist für die Germanen die Offen-barung der Lebensenergie, der Frieden nur eine Unterbrechung der Lebens-betätigung. „Sie schlagen die Ruhe tot durch Nichtstun, Jagd und Gelagesind dann ihre liebste Beschäftigung. Trunk und Spiel sind verderblich, dennleicht geraten sie dabei in höhnenden Wortstreit, der zu blutigem Endeführen kann, oder sie verpfänden beim Spiel Leib und Leben in Knechtschaft."
Der Kampf ist eine heilige Sache, er steht unter dem Schutz derGötter. Ein besonders enges Band verknüpft den Fürsten mit seinemGefolge, der ihm ergebenen Schar auserlesener Krieger. „Den Herrn zuschirmen und zu wahren, ja die eigene Heldentat der Verherrlichung desFürsten zu opfern — das ist die erste heilige Kriegerpflicht." Dafür lohntder Herr durch Freigiebigkeit, Geschenke, Schmausereien und Gelage(Tacitus, Germ. Kap. 14). Auf Dienst und Lohn beruht also das Ver-hältnis zwischen dem Gefolgsmann und dem Herrn.
Die wichtigste Angelegenheit im Frieden ist die Versammlung desVolkes, das sich aufsteigend gliedert in die zugleich militärischen Abteile Familieund Sippe, Dorfgemeinde, Gau oder Hundertschaft. In der Volksversamm-lung, dem Thing, werden die Rechtsurteile gesprochen und die Staats-