Vorwort. VII
solchen außergewöhnlichen Leistungen befähigt und so blieb dieser ver-heißungsvolle Anfang ohne Nachfolge. Isidor und Tatian sind die Vertreterzweier wissenschaftlichen Zeiträume in der althochdeutschen Literatur, desHöhestandes unter Karl dem Großen und des Rückgangs unter Ludwigdem Frommen. Eine andere Parallele besteht zwischen dem Übersetzer desIsidor und Notker: es sind zwei Meister der Kunstprosa, der eine amAnfang, der andere -am Ende der Periode, jeder ein Zeuge für die eigen-artigen wissenschaftlichen Forderungen seiner Zeit.
Die älteste hochdeutsche geistliche Dichtung, noch im Stabreim, leitetdie heidnischen Weltvorstellungen über zum Christentum: die den Germanenso wichtigen kosmologischen Fragen werden im Wessobrunner Gebet undim Muspilli behandelt, dort der Anfang, hier das Ende der Welt. Die demneuen Glauben erst später gewonnenen Sachsen schaffen die ersten christ-lichen Epen, hier wird die biblische Geschichte des alten und neuen Testa-ments in deutsche Form und deutschen Geist übertragen. Aber für dasGedeihen einer nationalen christlichen Epik waren die Bedingungen nichtgegeben, da die herrschenden klerikalen Grundsätze gerade die volkstüm-liche Gemütsauffassung als heidnisch aus der Dichtung zu verdrängen undrein kirchlich-biblischen Geist einzuführen suchten. Diesen Typus schufOtfrid mit seinem Evangelienbuch und in diesem Sinn wurden in der Folge-zeit kleinere Gedichte verfaßt, dazu entstand ein neuer balladenhafterdeutscher Hymnenstil; aber zu einer vollen Entfaltung ist die religiöseDichtung in althochdeutscher Zeit nicht gekommen. Karls des Großen Be-mühungen um eine geistliche Literatur in deutscher Sprache wirkten unterseinem Nachfolger Ludwig dem Frommen, der die altsächsische Bibel-dichtung veranlaßte, weiter und Hrabanus Maurus führte die Wissenschaftder Gelehrtengeneration Karls, aus der er, ein Jünger Alcuins, selbst hervor-gegangen war, in Deutschland ein, auf Grund deren sein Schüler Otfriddie evangelische Geschichte in deutsche Reimverse brachte. Aber mit Ot-frids Werk ist diese auf eine deutsche geistliche Literatur abzielende Be-wegung zum Stillstand gekommen. Dagegen nahm die lateinische Poesie,besonders seit der Erfindung neuer Formen durch Notker Balbulus, einengroßen Aufschwung und die lateinische Kloster- und Mimendichtung deszehnten Jahrhunderts brachte eine neue weltliche Unterhaltungsliteraturhervor.
Suchen wir die Stellung der althochdeutschen Literatur in der Ent-wicklung unseres Volkes zu bestimmen, so müssen wir sie als eine Äußerungder großen Kulturaufgabe der Zeit bewerten: das germanische Heidentumsollte zur christlichen Weltanschauung umgewandelt,-das Christentum zueiner die Nation durchdringenden Macht erhoben werden. In unermüd-