VI Vorwort.
Bloß fragmentarisch ist das, was uns von weltlicher Literatur erhaltenist, nur Reste sind auf uns gekommen. Dafür hat die deutsche Philologieseit ihrem Bestehen, seit den Brüdern Grimm und Lachmann, auch latei-nische Dichtungen in ihr Bereich gezogen, soweit sie, in Deutschland ent-standen, Zeugnisse deutschen literarischen Lebens sind und nicht speziellder Theologie oder Geschichte angehören.
Die Entwicklung der heimischen Dichtung läßt sich aus den dürftigenÜberresten nicht erschließen und es ist ein empfindlicher Mangel in derKenntnis unserer älteren Literatur, daß wir den Übergang vom stabreimendenzum endreimenden Heldenlied sowie die Bildung unserer nationalen Epik,die unter Einfluß des geistlichen Epos geschah, nicht verfolgen können.Der Vergleich des Ludwigsliedes mit dem Hildebrandsliede zeigt eine völligeÄnderung in Technik, innerer Anschauung und ethischer Auffassung. Aberdas jüngere Gedicht ist das Werk eines Geistlichen, das echt volkstümlicheHeldenlied wird sich nicht so weit von dem germanischen Typus ent-fernt haben.
Die Geschichte der geistlichen Literatur dagegen liegt einigermaßenklar. Sie ist nicht der Ausfluß eines organisch sich in seinen eigenen Ge-setzen naturgemäß entfaltenden Volksgeistes, sondern eine von außen, vonweltlichen und kirchlichen Stellen aufgeprägte Neuschöpfung, zudem anbestimmte, wechselnde Bildungsmittelpunkte gebunden. Aber die Entwick-lung schreitet doch mit historischer Notwendigkeit in inneren Zusammen-hängen vorwärts, wenn auch stoßweise und mit Unterbrechung, seitdemdurch Karls des Großen kulturschaffende Kraft und durch die rege Tätig-keit der Klöster das Christentum im Volke tiefer Wurzel faßte. Sie geht,mit den Glossen und Wörterbüchern, aus von den einfachsten Grundkennt-nissen, von der Klarstellung der notwendigsten wissenschaftlichen Hilfs-mittel zum Verständnis der lateinischen Schriftsteller; sie schließt mit derVerarbeitung des gesamten Wissens der Zeit zu einer deutschen Schul-wissenschaft durch Notker.
In den praktischen Forderungen, in der kirchlichen Gesetzgebung desgroßen Kaisers liegen die Anfänge einer deutschen Kirchensprache, derdeutschen Prosa, die Grundstücke der volkstümlichen Christenlehre, Vater-unser und Glaubensbekenntnis, erhalten feste Formen, der Inhalt derPredigt, noch beschränkt auf die einfachsten und notwendigsten Heilswahr-heiten, wird in deutsches Sprachgewand gekleidet. Mit der Erweckung deswissenschaftlichen Geistes durch Karl und seine Gelehrten waren zugleichdie Bedingungen gegeben zur Ausbildung einer deutschen Übersetzungs-kunst und von dem Verfasser des althochdeutschen Isidor wurde diese Auf-gabe vorbildlich gelöst, aber nur ein besonders begabter Mann war zu