Philosophische und Politische Beschreibungwesen / nicht wissen wollen / daß sie blind seye; sondern ersuchte immerdar ihren Hand-Leiter / ausdem Hauß zu ziehen; weil selbiges allzu tunckel und finster für sie seye. Du lachst über dieseNärrin; und bist mehr dann sie auszulachen; als der du nicht wilt für blind angesehen seyn,da du doch zwar nicht an den Augen / aber an dem Gemüth so blind bist. Man kan zwar nichtleugnen, daß du andere Leute Fehler zu entdecken rechte Luchs-Augen habest; allein du bleibstnichts desto minder ein Maulwurff; weilen du / indem du alles durchschauest / dich selbsten nichtsiehest. Lieber! wie kanstu recht sehen / wann du dich selbsten nicht siehest? und indem du allesweisst / was Nutzen hastu davon / wann du dich nicht keñest? In Wahrheit nicht den geringsten.Höre / was der Poet singt:Queîs oculos videam ipse meos, oculi mihi desunt:Quâ mentem videam, mens mea mente caret.Si mens, una mei pars optima, nescio quid sit?Unde tibi possum dicere; sim quid ego:Es mangelt mir an solchen scharffen Augen /Womit ich meine Augen sehen koͤnt;Auch mein Gemüth ist am Gemüth verblendtUnd will zur Kennung des Gemüths nicht taugen.Ist mir nun unbekanntWie mein Gemüth bewandt.Daß doch das beste Stuck an mir zu nennen;Wie solt ich / wer ich sey / dann sagen können?Du must für die Haupt=Sache, die du wissen solt, dich selbsten (dann du hast sonsten nichtsgrössers) damit du klug seyn mögest / halten und ansehen / und deine Thaten und Wercke aufdas allerschärffste und genaueste betrachten. Geschiehet solches / so wirstu alsbalden erfahren /wie viel du vor deiner Thür zu kehren habest; wie die Eigen=Liebe den Lasteren / denen sie ergebenist / das Wort rede; und selbige lieber entschuldigen / als untersuchen wolle. Wir seynd denenLastern feind / womit wir doch selbsten unsern Ruhm beflecken; und suchen / niemahlen unsereungereimte Bewegungen nach einem fremden Exempel zu richten. Daß die Gemüther nichtzusammen sehen, kommt daher, weil sie mit gleichen Lastern behafftet seyn: dann ein Geitzigerhaßt den andern; ein Hoffärtiger ist einem andern Hoffaͤrtigen zu wider; und die Laster so frem-de Ubertrettungen tadlen, verdammen sich selbsten. Ja / wir begönstigen die Laster / und gebenihnen den Nahmen derjenigen Tugenden / die ihnen am nechsten tretten; nicht zwar damit daßwas recht ist / gebilliget / sondern was böse ist / gelobet werde. Diese Listigkeit verlanget eine Klug-heit angesehen zu seyn; wiewohl sie sehr weit von der letztern entfernet ist: dann es mag auchdem Menschlichen Leben kein grösser Unheil begegnen / als wann die Boßheit sich verstelletCicer. 3. „ Der gröste Mißbrauch in dieser Welt bestehet darinnen / daß man die Laster mit dem Kleid der„Tugenden bedecket. Deßwegen ermahnet Tullius: Man solle fleissig schauen / daß diejenige„Laster uns nicht betriegen, die da scheinen Tugenden zu seyn: dann die Boßheit stelle sich derCicer. ib. „Klugheit; der Stoltz und Hochmuth der Großmüthigkeit; die Verschwendung der Freyge-„bigkeit; die Kühnheit der Tapfferkeit; und der Aberglaub der wahren Religion gleichartig.DannenheroLynceus est tibi; tua cense; teque severoAnte alios omnes perſpice judicio.Weil du scharffsichtig bist; so wird es sich gebührenDaß auch dein Luxen-Aug beschau / was du gethan:Und eh' du dein Urtheil wirst über andere führenSo sieh den Unflat erst vor deiner Thür recht anRichte nicht schnell über jemand; und klage auch nicht jemanden leichtlich an: Dann wo istSon.I.i. de wohl ein Ankläger / der keinen Fehler hat? Was man an einem andern tadelt / das findet manvielleicht an sich selbsten. Plinius last sich weißlich in seiner Lob=Rede vernehmen: Ein Obrig-elem.keits=Person solle nicht so wohl gedencken / daß sie ein Mensch; als auch daß sie über Menschengesetzt seye. Beedes der Regent / und der Unterthan seynd von Fehlern nicht befreyet: demnach
Owenus.