Druckschrift 
Meteorologia philosophico-politica : Das ist: Philosophische und Politische Beschreib- und Erklärung der Meteorischen/ oder in der obern Lufft erzeugten Dinge; In Zwölff zerschiednen Aus Meteorologischen Fragen/ und Politischen Schluß-Reden bestehenden; wie auch mit zugleich untermischten schönen Sinn-Bildern gezierten Abtheilungen ... Anjetzo ... aus dem Lateinischen in das Teutsche übersetzt
Entstehung
Seite
328
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Philosophische und Politische Beschreibung§. 6. So viel die Grösse des Erdbidems betrifft, so wird gemeiniglich keingrosser Welt=Strich / noch ein gantzes Land erschüttert; und zwar darum / weilen wederdie Höhlen und Klüfften / worinnen die Dunste sich ausbreiten / so gar weit und raumig nichtseyn / noch eine so grosse Menge derselben an einen Ort zusammen sich sammlen / oder ihren Ge-walt so weit erstrecken. Jedoch, wann eine ungeheure grosse und tiefse Hohle, die fast biß zudem Mittel=Punct der Erden reichte, vorhanden wäre, dergestalten daß auf derselben, nicht an-ders als auf einem Gewölbe / etliche Länder zu liegen hätten; so könten auch / falls der bewegendeDunst daselbst entzündet und getrieben würde / etliche Länder zugleich erschüttert werden. Deß-wegen sage ich; wann in dem Mittel=Punct der Erden eine genugsam=grosse Höhle / und selbigemit Schieß-Pulver angefüllet wäre, so würde der angezündte Dunst einen dermassen grossenGewalt haben / daß die gantze Erd-Kugel nicht wenig / und auch nicht ohne entsetzlichen Ruindardurch sich müste bewegen und zerstossen lassen.Ubrigens wann es sich zutraͤgt / daß ein einiges Erdbidem etliche Laͤnder zugleich erschuͤt-tert / so kan solches daher rühren / daß eine Erde mit der andern vereinigt ist; oder daß der an-gezündte Schweffel=Dunst in den unterirrdischen Gängen und Adern hin und wieder sich ver-theilet, nach Art eines Blitzes herum lauffet, und wann er in andere Höhlen gekommen, einegleichmässige Erschütterung würcket / auch also viel Erden=Gegenden / die ob ihrer Oberfläche lie-gen / fast in einem Augenblick zugleich beweget. Woraus abzunehmen / daß des Senecae Mei-nung nicht Statt finde; wann er darvor halten will; ein Erdbidem könne sich über 200. Ita-liaͤnische Meilen nicht erstrecken; dann ausser dem / was bereits angefuͤhrt worden / so widerlegtsolches die Erfahrung selbsten; und schreibet insonderheit Joannes à Costa, daß in dem König-reich Peru gar offt das Erdbeben bey 150. oder auch 500. Meilen weit seine Würckung zeige:Oros. I. 7. So bezeuget ebenfalls Paulus Orosius, daß unter Kayser Valentiniano ein Erdbeben fast denHist. c. 32. gantzen Erd=Kreiß erschüttert habe. Im Jahr Christi 1601. spührte Asia und Europa zu glei-cher Zeit ein Erdbidem: Doch glaube ich mit dem Didymo, daß noch nie kein Erdbeben ge-wesen / dadurch die gantze Erde beweget worden / als dasjenige / so zur Leydens=Zeit unsers HEr-ren Christi aus Göttlicher Krafft geschehen. Ermeldter Scribent bringet in seiner Catena, überdas Büchlein Hiob aus 24. Griechischen Lehrern deßwegen ein Gezeugnus bey / und schreibt:Es ereignen sich öffters Erdbebungen; allein / diejenige / welche vor und nach dem HERRNChristo eingefallen, haben nur einen Theil der Erde beweget; da hergegen zu Zeiten meinesHErren Christi die Erde nicht bloß an einem Theil / sondern gantz und völlig durchaus erschüt-tert, und aus ihrem Mittel-Punct geruckt worden. Biß hieher Didymus in angezognemBuch.§. 7. Die Währung der Erdbebungen ist auch ungleich und unterschiedlich:Dann bißweilen dauren sie eine gar kurtze Zeit, bißweilen aber auch gantze Monat und Jahre.Die Ursach dessen mag seyn; Erstlich / weilen je dünner und subtiler der eingesperrte Dunst ist,je geschwinder das Erdbeben nachlässet; hergegen je kälter und dicker er ist/ je langer das Bebendauren wird; angesehen der in den Höhlen und Gängen eingeschlossene Dunst nicht so ge-schwind noch leicht ausdämpffen kan. Zum Andern; je häuffiger die Dünste vorhanden seyn,je langsamer sie sich verliehren; und verursachen demnach / daß das Erdbidem länger anhält.Zum Dritten; je dichter und undurchtringlicher die Oberfläche der Erden ist / worunter die Ma-teri der Erdbebungen in den Klüfften versperrt lieget / zum Exempel; an steinigten und wässerigenOrten: je länger wird auch das Erd=Zittern währen; weilen nemlich die Dampffe durch selbigegar schwer und langsam ausdünsten können. Zum Vierdten; mag zu dieser Langwierigkeitdie nach und nach beschehende Entzündung der Dünste auch ein grosses beytragen: dann dieversteckte Dünste werden von dem fortlauffenden Feuer nicht in einem Augenblick / sondern zuweilen geschwinder / und zuweilen langsamer angezündet; wie bey denen Minen wahrzunehmen.Dannenhero das oben vermeldte Erdbeben Anno 1601. ein viertel Jahr gewähret; Anno 1538.ward gantz Italien von einem Erdbidem 15. Tag lang erschüttert; und Anno 1570. hat selbigeszwey gantze Jahr hindurch angehalten.Was nun diese Währung des Erdbebens betrifft / so wird auch von dem Aristotele an-gemerckt / daß selbiges nicht gleich nach einem einigen Stoß auffhöre und nachlasse / sondern im-merdar wiederkomme, und gemeiniglich 40. Tag lang; manchmals aber ein, und wohl zweyJahr hindurch daure. Die Ursach ist seiner Meinung nach diese; daß der Dunst / so das Erd-beben würcket / nicht alsbalden verzehrt / oder zertheilet; und demnach / so lang selbiger währetund dann und wann eine Bewegung kriegt, die Erde auch zu öfftermahlen erschüttert wird.Solches besteiffet er ferner mit dem Exempel eines Thiers: Dann gleichwie die erregte Geister,wann sie zittern / klopffen und Fieber verursachen / nicht alsbalden auf einmahl sich stillen lassen /sondern viel dergleichen Würckungen hervor bringen, jedoch allgemählich sich verliehren undverschwinden: Also begibt sich eben dergleichen bey denen Dünsten / die ein Erdbeben erregen.