Philosophische und Politische Beschreibung208ter Dann es seynd auch die Jünglinge in Ansehung ihres Wandels Greisen; wann sienehmlich von erbaren Sitten grauen. Diejenige / so reiff an Klugheit / und geschmückt seyndmit Ernsthafftigkeit / sind eine Zierde deß gemeinen Wesens. Wer ihme selbst durch gute Sit-ten nicht ein Gewicht beyleget / der gehöret unter die leichte Reuterey / ob er schon an Jahrenschwer ist. Der Wein / so sich in einen Essig verkehrt / wird leer; weilen seine Geister ver-schwinden. Wann ein Greiß / so einen fliegenden Sinn hat / die Tugend / welche ihn als einenJüngling gezieret / ableget; so ziehet er hergegen die Leichtsinnigkeit an; und machet sich end-lich selbsten zu schanden / Ich begehre aber den Greissen ihre gebührende Ehre nicht zuversagen, wann sie solche durch tugendliche Sitten verdienen: Es gibt Blumen ab, die in demHerbst blühen, und umb die Abend-Zeit einen guten Geruch von sich ausstreuen. DerjenigGreiß ist billich zuverehren / welcher desto mehr an Tugenden zunimmet und grünet / je meher an Leibes=Stärcke und Kräfften verlieret. Lasse dir demnach diesen meinen Rath gefallenund verschmähe ihn nicht: Spahre die Früchten der Tugenden nicht biß in die reiffe Jahre,sondern seye fruchtbar im Frühling / und sammle im Sommer; wie sich dann auch schonCicer. de Jünglinge finden / bey denen ein ehrwürdiges Tugend=Alter und vollkommene KlugheitSenect.anzutreffen. Hercules ist bereits in der Wiegen und in den Windeln zum Siegen reiff ge-wesen; und Cyrus hat in denen Kinder-Jahren schon als ein Hercules sich aufgeführt. Man erkennet den Löwen an der Klauen; und die junge Adler / wann sie kaum flick worden / kehren schonihre Augen nach der Sonne. Es ist mancher Jüngling in seinen zarten Jahren von solcher Fahigkeit / daß er denen wichtigsten Geschäfften vorzustehen weiß. Man lasse nur die ExempelSnet. c. 1. reden: Als Julius Caesar das 17te Jahr erreicht / ward er zu einem Goͤtter=Priester / FlamenTae. l. 13. dialis genannt, verordnet; und schon damahlen tüchtig zum Regiment befunden. Cn. Pom-annal.pejus war 18. und Octavianus 19. Jahr alt / da sie in denen burgerlichen Kriegen die Feld-Herrn=und Generals-Stellen vertretten. Als das Volck deß Scipionis Africani Jugend vor-geschützet / hat derselbe durch seine Antwort dargethan / daß er reiff und tüchtig genug seyeHabt ihr etwan darinnen den Vorzug meiner Jugend / daß ihr bereits in ansehnlichenEhren=Aemtern stehet; so müsset ihr aber wissen / das ich durch meine Tugend eure Ehren-Stellen uͤbertreffe. Alexander Severus ward als ein junger Knab von dem Rath zu denKayserlichen Würde erhoben; Gordianus war eylff Jahr alt / da er Kron und Scepter getra-gen; Otto III. wurde darumb der Wundersame genannt, weil er in der Kindheit grau vonWeißheit gewesen / und thronenwürdig geachtet worden. Die Adler seynd von dem Ey/ undihrer Gebuhrt an zu dem Scepter gewöhnet / und lernen beedes Donner-Strahlen schiessenund die Sonne ertragen.Candore refloret.Deckt schon der Schnee /Grünt doch der Klee.Tecta licet fuerit nive terra; virore renato,Jam redeunt pratis arboribusque comaeQuo plus te canis conspergit plena senectus;Plus virtus crescat florida mente tuâ.Hat schon der kalte Schnee die Erde überhüllet,Und einen weissen Rock den Felder'n angelegt;Bleibt sie mit Kräfften doch zum Wachsthum angefüllet,Wann alles wider bald in volle Blüth ausschlägt.Je mehr die graue Haar um Kihn und Scheitel schweben;Je mehr erneure du dein tugendhafftes Leben.
Die