760 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
wesentliches Ziel gesucht. Dabei kam es aber namentlich auf die richtigeBenutzung wertvoller Quellen an, und hierin ist ihm das Glück günsti»gewesen. Denn zunächst besaß sein Kloster ungemein reiche Schätze vonhistorischer Literatur aus alter Zeit, und es lassen sich aus seiner Arbeiteine große Zahl wichtiger Quellenwerke gewinnen. Hier sind zu nennenals eigentliche Chroniken aus älterer Zeit die des Eusebius in der Be-arbeitung des Hieronymus, des Prosper, Marcellinus, Cassiodor, Isidor undBeda (die kleinere Chronik und die Chronik der sechs Weltalter), die Kirchen-geschichten des Eusebius (in Rufins Bearbeitung) und Bedas, von historischenEinzel werken der Liber historiae Francorum, die Summa temporum vonJordanis, der Planctus de calamitate Augiae sub Immone vom Mönch Ruod-pert, der Liber pontificalis, Gregor von Tours' Frankengeschichte, die Ge-schichte des sogenannten Fredegarius, die Langobardengeschichte des Paulus,Einharts Leben Karls und die Historia miscella, von historischen Gelegen-heitsschriften die verlornen Hodoporica des Heito und des Amalharius überihre Gesandtschaftsreisen nach Konstantinopel. Von kirchlichen Biographienbenutzte er das Leben des Johannes Anachoreta von Hieronymus, das desßemigius von Hincmar, des Columban von Jona, des Gallus von Walahfrid,ferner das Leben des Maurus und wohl auch Ruotgers Leben Brunos. Unterden Annalen sind namentlich die Ann. Fuldenses zu nennen, deren Berichtsehr stark ausgeschrieben wird. Aus der chronologisch-komputistischenLiteratur erscheinen als Quellen die Cycli paschales des Theophilus Alexan-drinus, des Victurius (allerdings nur aus Beda) und des Dionysius, sowieder Brief des Proterius. und Paschasius an Leo I. (de paschate anni 444),aus der theologischen das Poenitentiale des Erzbischofs Theodor vonCanterbury, die Visiones Wettini und die Historia translationis sanguinisdomini Augiam. Hierzu kommt die Benutzung päpstlicher Privilegien. Mansieht also, daß ein großer Umkreis in das allgemein geschichtliche Gebietgehörender Quellen in dem Werke benutzt ist. Die neueren Forschungenhaben nun allerdings ergeben, 1 ) daß Hermanns Werk bis zum Jahre 1039auf einer kurz nach diesem Jahre verfaßten Weltchronik beruht und alsonur zum Teil original ist. Und erst kürzlich ist von R. Holtzmann derNachweis gegen J. R. Dieterich geführt worden, daß diese verlorne schwä-bische Weltchronik von Wipo und Hermann, von den Annales Sangallensesund von der Epitome Sangallensis unmittelbar benutzt worden ist und daßHermann ihr besseren Bericht entnahm als Wipo. Außerdem scheint R. Holtz-mann der Nachweis geglückt zu sein, daß jene schwäbische Weltchronik 2 )im Kloster Hermanns entstanden ist und daß man sie daher besser dieReichenauer Weltchronik nennt. 3 ) Wenn nun aber auch Hermann nichtgeringen Nutzen aus diesem Werk für seine Arbeit gezogen hat, so bleibtdoch jedenfalls noch erheblich viel von dieser bestehen. Besonders erkenntman aber natürlich seine eigne Arbeit aus der Fortsetzung seit 1040,
*) Vgl. besonders H. Bresslau, Neues Bertholds befindet sich in einer Hs. von Gött-
Archiv 2, 566- 576. weih. vgl. MG. SS. 13, 62.
2 ) Eine weitere Kompilation aus ihr, aus *) Zum Texte vgl. auch den Cod. Colon. 103
einer fast wörtlichen Abschrift von Hermanns (aus Reichenau) in Wattenbach und Jaffe,
Chronik 1044—1054 und aus einer gleichfalls Ecclesiae Coloniensis Codices p. 131; hierzu
nicht sehr gekürzten Kopie der Portsetzung Br. Krusch, Neues Archiv 11, 633.