756 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
hätten. So ist die kleine Schrift dann der Intonierung gewidmet und siehandelt von den verschiedenen Arten der Stimmen und des Gesanges. Viermetrisch sehr anfechtbare Hexameter als Merkverse bilden ihren Schluß.Handschriften: Monac. 9921 s. XII—XIII. Vindob. 51 s.XII f. 43. Darmstad. 1988 f 93Caroliruh. 504 s. XI—XII f. 72. Ausgabe bei Gerbert 2, 34—42 (mit zwei Tabellen).
De modorum formulis et cantuum qualitatibus. Daß die Schriftnicht von Guido herrührt, beweist der Umstand, daß der ganze Eingang aus denRegulae de ignoto cantu genommen ist (Gerbert2,37—41). Vor den einzelnenAbschnitten oder an ihrem Ende finden sich kleine metrische Stücke, deren Hexa-meter aber so schlechte Metrik und Prosodie verraten, daß sie nicht von Guidoverfaßt sein können. Das kleine Werk handelt ausschließlich vom Gesang.
Ueberlieferung im Paris. 10508; über diese sowie andre Hss. vgl. Coussemaker,Script, de musica medii aevi 2, VII f. Ausgabe von Coussemaker a. a. 0. 2, 78—109. Daranschließt sich ein Epilogus rhytmicits in modorum formulis, der in 100 jambischen Acht-silbern und in 147 trochäischen Fünfzehnsilbern einen ähnlichen Stoff behandelt, endlich einGedicht in 37 Hexametern De sex motibus vocum. Ausgabe bei Coussemaker p. 110 — 115und 115 f. Endlich macht Richard de Fournival um 1250 in seiner Biblionomia (Delisle.Le cab. des mscr. 2, 527 N. 51) namhaft Guidonis Äugensis (wohl in Verwechslung mitBerno Augiensis) über de musica ad Willermum Rievallis (d. h. von Rievaux) abbatem; daßer unsorn Guido meint, ergibt die sich anschließende Notiz Item cinsdem micrologus adTheobaldum Arethiane civitatis episcopum.
133. Hermann von Reichenau.
Hermann, einer der größten Gelehrten des Mittelalters, stammte ausdem Hause der Grafen von Aishausen und war der Sohn Graf Wolverads(Wolfrats) II. Er wurde am 18. Juli 1013 geboren. Nach Vollendung seinessiebenten Jahres wurde er vielleicht wegen seiner Kränklichkeit am 15. Sep-tember 1020 der Klosterschule in Reichenau übergeben. Nämlich sein FreundBerthold, der seine Chronik fortsetzte, erzählt von ihm, daß er seit frühesterJugend vollständig kontrakt war und sich ohne Hilfe nicht vom Ort, janicht einmal auf die andere Seite bewegen konnte und stets in einem Trag-sessel getragen werden mußte. Auch sein Mund, seine Lippen und seineZunge waren zum gewohnten Gebrauch unfähig und er konnte daher nurgebrochne und halbverständliche Laute hervorbringen. Also äußerlich einBild des Jammers! Aber in ihm lebte ein ungemein reger Geist, und dergebrechliche Mensch brachte es nicht nur dahin, daß er als Lehrer imKloster für seine Schüler zu geistigen Übungen stets bereit war, sondernauch daß er bei seinen Schülern allgemein Staunen und Bewunderung er-regte und daß er auf mehreren Gebieten die Wissenschaft selbständigförderte. Aus diesem stillen Gelehrtenleben ist nur wenig mitzuteilen. Im30. Lebensjahr wurde Hermann vom Abt Bern unter die Mönche des Klostersaufgenommen und ohne Zweifel hat er 1048 bei dem Besuche Heinrichs III.und 1049 beim Besuche Leos IX. im Kloster eine hervorragende Rolle ge-spielt, da Kaiser wie Papst einen Gelehrten wie Hermann zu schätzenwußten. Zu den unter seiner Leitung herangebildeten Klerikern zähltenBenno, nachmals Bischof von Osnabrück, 1 ) und sein Lieblingsschüler und
') Vita Bennonis ep. Osnabr. 3 (MG. SS.12, 62,10) Iam vero adolescens Hermannumquendam contractu»! . . . qui liberalium stu-diorum eo tempore eximius ferebatur, cuius
etiam egregia nunc extant opuscula, expeterestuduit, apud quem ut ipse fatebatur, raldepn-oficiens multa de illo praeclara narrarcsolebat.