354
werden zuerst einzelne Stoffe von dem Hörigen für den Herrn, von dem Freien für denMarkt gefertigt, neben den gewöhnlichen entstehen die besseren Gewebe, neben demWeben werden das Färben, das "Walken, das Bleichen und andere künstlichere Yer.fahrungs- und Bereitungsarten der Gewebe wichtig; es entsteht die Hausindustrie unddas Handwerk, zuletzt die selbstständige Grossunternehmung und der Handel mit Leinenund Tuch, mit Baumwollen- und Seidengeweben, mit einfachen und gemusterten, mitglatten und sammtartigen Stoffen. Schritt für Schritt dringt die sieghafte Konkurrenzder besseren und höheren Technik gegen die häusliche Arbeit vor; schon die antikenKulturstaaten hatten eine selbstständige Gewebeindustrie, aber erst die neuere Ent-wicklung hat jene grossen Fabriken geschaffen, die nach allen Weltth eilen ihre Waarensenden, die hunderte und tausende von Millionen Pfund Rohstoff verarbeiten, um nichtblos die europäischen Kulturvölker, sondern überhaupt einen grossen Theil aller Erden-bewohner zu bekleiden. Die grösste moderne Industrie mit der complicirtesten Technikund der ausgebildetsten Arbeitstheilung hat nicht blos durch das, was sie der Familien-wirthschaft an fertigen Produkten liefert, sondern auch durch die Kinder und Frauen,die sie beschäftigt, am meisten dazu beigetragen, die uralten Formen des häuslich wirth-schaftlichen Lebens zu verändern, ja für die Zukunft in Frage zu stellen; ein Process derfreilich, wie er seit Jahrhunderten begonnen, noch Jahrhunderte in sich begreifen wird.
Ein kleines Stück dieser grossen Entwicklung — auf der Grenzscheide derbeiden Perioden liegend — wollen wir hier an der Hand der vorstehend veröffentlichtenUrkunden und mit besonderer Rücksicht auf Strassburg erzählen. Wir wollen einenBeitrag zur Geschichte der deutschen Weberei geben und zunächst kurz berühren, waswir über die älteste deutsche Weberei wissen.
Dafür, dass den alten Germanen auch vor ihrer Berührung mit den Römerndie Kunst des Webens nicht ganz unbekannt gewesen sei, haben wir mancherlei Zeug-nisse. Zunächst die sprachlichen, auf ihre Vorgeschichte hinweisenden. Die Wurzel vä 1hat aller Wahrscheinlichkeit nach schon vor der Trennung der indogermanischen Stämmedie Bedeutung von „weben" gehabt, wenn auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossenbleibt, dass man damit ursprünglich mehr das Flechten als das Weben bezeichnet habe. 2Doch deutet das im Veda als Bestandtheil eines Eigennamens vorkommende Wort ürna-väbhi Wollweber darauf hin. dass die Bildung vabh, die dann in den europäischen Sprachenals vcpoQ vrf,ri Gewebe, angelsächsisch vefan, althochdeutsch weban sich zeigt, schon ursprüng-lich für das eigentliche Weben gebraucht worden sei. Jedenfalls weist die sichere Ueber-einstimmung in der Bedeutung des verwandten griechischen und deutschen Wortes aufeine Ausübung der Weberei in der Zeit vor der Trennung der Griechen und Germanenhin. Auch die Bezeichnungen für den Webstuhl angelsächs. webbeam, scand. wefstadr,altdeutsch weppibaum sind ohne Zweifel sehr alt. Pictet glaubt sogar den Hauptnamenfür die Frau, das altdeutsche wip, scand. vif, angelsächs. wif von ihrer Beschäftigungdes Webens ableiten zu sollen.
Auch die Wahrscheinlichkeit, dass schon die schweizerischen Pfahlbauer 3 einenziemlich ausgebildeten aufrechten Webstuhl kannten und darauf Gewebe fertigten, sprichtdafür, dass die Germanen einen solchen benützten, obwohl natürlich nicht stets von
1 Pictet, les qrigines indo-ouropeennes,(1863);2, 166; Aufrecht in Kulms Zeitsch. f. vergl.Sprachf 4, 282(1855)und persönliche Mittheilungendes Herrn Prof. Dr. Siegfr. Goldschmidt hier.
1 L. Geiger, Zur Entwicklungsgeschichte derMenschheit (1871) 33.
3 Blümner, Technologie und Terminologie derGewerbe und Künste bei Griechen und Römern(1875) 1, 138 und Mittheilungen der antiquar,Gesellsch. in Zürich 16, 1, 21 ff.