JOACHIM VON FIORE
633
Mägde werde ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgießen,und sie sollen weissagen" (Apg. 2, 14 f.; Joel 3, 1 f.). Zu allenZeiten ließ sich daher die Kirche die Mahnung des Völkerapostelsangelegen sein: „Prophetien verachtet nicht" (1 Th. 5, 20). Ein-gedenk der Mahnung des apokalyptischen Sehers: „Das ZeugnisJesu ist der Geist der Prophetie" (Apok. 19, 10), freute sie sichnicht nur in den Stürmen der Verfolgungen, sondern auch imFrieden der Einsiedelei und der Klosterzelle des Flügelschlagesder Taube. Je mehr sich die Kirche im Laufe der Zeiten vonihrer erhabenen Aufgabe entfernte und in den Geist dieser Weltverlor, je schwerer das Schuldbewußtsein auf allen Gemüternlastete, desto mehr wuchs die Angst vor der Zukunft an, die sichbei Menschen, welchen die Heilige Schrift das für alle Vernält-nisse des irdischen und kirchlichen Lebens Richtung schaffendeBuch war, in düsteren Prophetien von nahen göttlichen Strafge-richten auslöste. Zerknirscht und erschüttert und doch unge-bessert lauschten mächtige Herrscher und hohe Kirchenfürstenden furchtbaren Anklagen, welche die heilige Hildegard vonBingen a. Rh. (f 1179) wider die kirchlichen Mißbräuche unddas für sie verantwortliche Papsttum schleuderte, das, aller Re-ligion bar, seine weltlichen Besitzungen fast gänzlich einbüßenwerde 2 . Der kalabresische Abt Joachim v. Fiore (f 1202), vondrei Päpsten, Lucius III., Urban III. und Clemens III., zur Auf-zeichnung der tiefen Erkenntnisse aufgefordert, die er auf Grundseiner biblischen Studien vom Einklänge des alten und neuenBundes und vom gottgefügten Gange der weltgeschichtlichen Er-eignisse gewonnen hatte, von Honorius III. heftiger Anfeindunggegenüber als rechtgläubiger Sohn der Kirche anerkannt, scheutesich nicht, die Kirche als ein Hurenhaus und eine Räuberhöhle,die ewige Stadt aber als den Herd aller Greuel zu brandmarken.So sagte er denn auch dem Papsttume harte Züchtigung durchdie Sarazenen und besonders durch die deutschen Kaiser voraus,von welchen es aller weltlichen Macht und Besitztümer beraubtwerden solle, worauf dann nach der* unvollkommenen petrini-schen und paulinischen Kirche der Zeit vor und nach Christusendlich das Zeitalter des heiligen Geistes und der äußerlich armen,innerlich aber an allen Tugenden reichen Johanneischen Kircheanbrechen und die Bekehrung der Juden und Ungläubigen folgensolle 3 . Noch schärfer als Joachim selbst sprachen sich als die
41 Schnitzer, Savonarola