DIE GEDICHTE
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sehr liebtest du mich, daß du dein Blut für mich als Lösegeldgabst. Du liebtest mich mehr als dich, denn du wolltest sterbenfür mich. Du riefst mich mit Namen und zeichnetest mich mitdeinem Blute, auf daß aus meinem Herzen das Andenken an dichnicht entschwinde, der für mich nicht vom Kreuze wich. Zeigedich mir, mein Tröster, komm zu mir, Freude meiner Seele, aufdaß ich dich schaue, Licht meiner Augen und Wonne meines Her-zens! Verwunde mein Herz mit deiner Liebe! Schenke mir einHerz, das nur an dich denkt, schenke mir einen Sinn, der nur aufdich sinnt, schenke mir eine Seele, die nur dich liebt, schenke mireinen Willen, der sich von dir nie entfernt! Bleibe in meinerSeele, bleibe auf meiner Zunge, bleibe in meinem Werke, bleibemit deiner Hilfe! Bleibe bei mir, denn ich verschmachte vorLiebe! Bleibe bei mir, denn ohne dich sterbe ich! Bleibe beimir, denn im Gedanken an dich erwache ich zu neuem Leben.Dein Geruch erquickt mich, das Andenken an dich heilt mich,dein süßes Licht kräftigt mich, deine liebe Stimme entzückt mich.So will ich dem Herrn lobsingen mein ganzes Leben lang, meinemGotte psallieren, solange ich bin. Möchte mein Lob ihm genehmsein! Meine Lust ist im Herrn. Amen."
Und wie sein erhabener Liebespsalm, so sind die DichtungenSavonarolas überhaupt der treue Widerhall des seine ganze Seeledurchflutenden Gefühls heißester Gottesliebe. Mehr als dieHälfte seiner Gedichte 33 hat nur sie zum Gegenstande; aber auchdas halbe Dutzend Gesänge, das der seligsten Jungfrau und ande-ren Heiligen, wie das weitere halbe Dutzend, das der Kirchen-reform geweiht ist, handelt im Grunde doch wieder nur von derJesusliebe. Die ganze Stufenleiter religiöser Empfindungen hatder Frate in seinen Gedichten durchmessen 34 . Vom zarten, ver-trauensvollen Gebete erhebt er sich zum stürmischen Jubelrufe,vom reuigen Sündenbekenntnisse zur feurigen Liebesbeteuerung,vom schüchternen Kindesflehen zu den leidenschaftlichsten Er-güssen trautester Seelenbrautschaft, bis er, in trunkener Selbst-vergessenheit zum Toren der Liebe geworden und seiner selbstkaum mehr mächtig, in Laute ausbricht, wie sie Verzückte lallen,wenn die Sprache dem Überschwange des von Seligkeit über-fließenden Herzens den Dienst versagt. So singt er:
40 Schnitzer, Savonarola