Druckschrift 
Die religions-psychologische Grundlage der Feuerbestattung
Entstehung
Seite
8
Einzelbild herunterladen
 

stimmten Zwecken ersonnen und künstlich aufgebauschtwurde. In Wirklichkeit ist das Erdbegräbnis so wenig dieselbstverständlichste und ursprünglichste Bestattungsart,daß es noch heute ein großes, zahlreiches Volk gibt, demdas Grab unbekannt ist, Tibet 3 ). Die primitivstenStämme geben sich mit ihren Toten überhaupt keine Mühe,sondern lassen sie einfach da liegen, wo sie verschiedensind, wie es bei den Wedda und Weddoiden auf Ceylon,Celebes und Sumatra, bei den Senoi auf Malakka, bei denPunan auf Borneo, bei den Mangyan der Philippinen, beimanchen Stämmen von Hinterindien, bei den Tschuktschenund Samojeden Nordasiens geschieht 4 ). Die Leichen vonSklaven, Hingerichteten, armen Leuten, Frauen, Kindern,Männern, die ohne Nachkommenschaft gestorben sind, wer-den von den Eingeborenen in eine Höhle gesteckt, in denBusch geworfen und den wilden Tieren zum Fräße über-lassen, so bei manchen Bantustämmen in Afrika, bei denItälmen in Nordasien, bei mongolischen Stämmen, sodannin Kaschmir, in Siam und Kambodscha. Es ist bekannt, daßin Tibet die Leichen gewöhnlicher Leute in Stücke zer-schnitten und diese den Hunden und Geiern hingeworfenwerden, und daß in Siam manche Asketen diese Bestat-tungsart freiwillig für sich wählen, um sich durch Fütte-rung hungriger Tiere ein Verdienst zu erwerben 5 ). Auf derInsel Borneo, wo die Eingeborenen wie die Anthropoidennoch vielfach in den Zweigen der Bäume nisten, werdenhier auch die Leichen geborgen 8 ); Baumbestattung treffenwir aber auch in Australien, bei den Tasmaniern, beiMalayen, Indonesiern und nordamerikanischen Indianernan 7 ). Manche Stämme halten die Baumbestattung fürehrenvoller als das Begräbnis, bei den Andamanen gilt sieals Auszeichnung für die Zauberer 8 ). Eine Art Baum- istdie weit verbreitete Plattformbestattung, bei welcher dieLeiche ohne Begräbnis auf einem Balkengerüste im Freiender frischen Luft ausgesetzt wird, wie dies in Australien,

3 ) Georg Buschan, Die Sitten der Völker, II, 239.

4 ) Georg Buschan, Illustrierte Völkerkunde, II, I, 319 f.556, 635, 784, 787, 791 f., 801.

6 ) Buschan, Völkerkunde I, 541, 567, 588: II, I, 319, 445,467, 635, 957; Ders, Sitten d. Völker II, 239, 245; III, 57W. F i 1 c h n e r, Kumbum Dsdiamba Ling. Leipzig 1933. S. 399 ff.Th. Waitz, Anthropologie d. Naturvölker. II, 196; VI, 806.

") G g. W i 1 k e, D Religion der Indogermanen. Leipzig1923. S. 50.

7 ) Buschan, Völkerkunde II, I, 45, 799, 923; Waitz III,201.

8 ) Buschan II, I, 770, 784.

8